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100 Jahre Wernher von Braun:Eine Kindheit, die sämtliche Klischees erfüllt

Von Brauns Kindheit verläuft alles andere als teuflisch. Sie erfüllt vielmehr sämtliche Klischees, die zum Bild eines jungen wissenschaftlichen Genies passen. Im Alter von sieben Jahren bastelt der Sohn eines preußischen Gutsbesitzers Baumhäuser. Mit zwölf schraubt er an Autos herum. Die Schule ist eher nebensächlich, Lehrer halten ihn für "stinkfaul". Als der Sohn sitzenzubleiben droht, schicken ihn die Eltern auf ein Elite-Internat nach Weimar. Es ist bekannt für liberale Bildung, aber auch für rechtskonservative politische Ansichten.

Wernher von Braun

Von Braun erklärt anhand eines Modells die Funktion von Raketen-Raumschiffen. Praktische Erfahrungen hatte der Ingenieur mit seiner "V2"-Rakete gemacht, Hitlers Wunderwaffe.

(Foto: dpa)

Zur Konfirmation bekommt Wernher ein Teleskop, wenig später fällt ihm ein Buch des siebenbürgischen Raumfahrtpioniers Hermann Oberth in die Hände. Es heißt "Die Rakete zu den Planetenräumen" und ist gespickt mit Formeln und unverständlichen Symbolen. Von Braun bittet seinen Lehrer um Hilfe. "Doch der sagte mir nur, ich müsse lernen, Mathematik und Physik zu beherrschen - meine beiden schlechtesten Fächer", wird er später erzählen.

Feuerwerksraketen werden zur Leidenschaft des jungen Wernher. Er jagt sie ins elterliche Gewächshaus und zerstört dabei die Blumenkohl-Ernte. Er bindet sie an seinen roten Bollerwagen und lässt das Gefährt die Tiergartenallee hinunter sausen. Die Polizei verhört ihn, der Vater hält eine Standpauke. "Für ihn gab es nichts anderes mehr als Raketen und Raumfahrt - ein Fanatismus, der ihn blind machte für die Bedeutung aller anderen Dinge", schreibt Neufeld.

Deshalb stört es von Braun auch nicht, als das Militär Anfang der 30er Jahre die Berliner Experimente finanzieren will. Genauso wenig stößt er sich daran, dass seine Doktorarbeit über Flüssigkeitsraketen, im Alter von 22 Jahren mit der Note "außergewöhnlich" abgeschlossen, als "geheime Kommandosache" eingestuft und unter Verschluss gehalten wird.

1937 zieht von Braun nach Usedom. Er wird technischer Direktor der neu gegründeten Heeresversuchsanstalt in Peenemünde. Er intensiviert seine Raketenforschung und passt sie an die militärischen Bedürfnisse an. Der ehrgeizige Ingenieur tritt der NSDAP bei. Er wird Mitglied bei der Waffen-SS, in der er bis zum Sturmbannführer aufsteigt. Später wird sich von Braun damit verteidigen, dass er nur so seine Forschung - also seine Lebensaufgabe - fortsetzen konnte.

Fünf Jahre vergehen, dann ist von Braun an seinem Ziel: Sein "Aggregat 4", ein 14 Meter hohes, schwarz und weiß lackiertes Ungetüm, ist einsatzbereit. Als erste Rakete durchbricht das Geschoss die Grenze zum Weltall. Die Nazis nennen es "Vergeltungswaffe 2", kurz V2.

Etwa 3200 dieser schwarz-weißen Raketen feuern sie in den letzten Kriegsmonaten ab, hauptsächlich auf London und Antwerpen. 8000 Menschen sterben dabei. Fast dreimal so viele Menschen sterben im Konzentrationslager Mittelbau-Dora östlich von Göttingen, wo die V2 unter unmenschlichen Bedingungen zusammengeschraubt wird - in Stollen, die tief in den Berg getrieben werden.

Von Braun kennt die Umstände, er weiß von den Zwangsarbeitern, er beteuert aber stets, bei seinen Inspektionen keinen Toten und keine Misshandlungen gesehen zu haben. Er, der unpolitische Wissenschaftler, fühlt sich nicht verantwortlich. "Als er merkte, dass das alles mit der Versklavung und Ermordung Tausender von Menschen bezahlt wurde - was er weder gewollt noch angeregt hatte -, war er unglücklich, vielleicht sogar bestürzt. Aber es brachte ihn nicht von seinen Raketenplänen oder seinen Zielen ab", sagt Michael Neufeld.

Seine Ziele verliert der Raumfahrtnarr auch nicht aus dem Blick, als sein gewohnter Geldgeber wegbricht. Wenige Tage nach Hitlers Tod, von Braun ist zusammen mit Getreuen nach Oberjoch im Allgäu geflüchtet, schickt er seinen Bruder Magnus los - mit einem Fahrrad, an dessen Lenker ein weißes Taschentuch geknotet ist. Magnus soll dem US-Militär die Kapitulation der deutschen Raketenbauer übermitteln.