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Zwischen den Zahlen:Von wegen locker

Über den Verdruss, wenn Politiker Normalität versprechen - und dann das Bällebad im Möbelhaus doch geschlossen bleibt. Die schöne Kunst der Dienstleistung, sie bleibt in Corona-Zeiten allzu oft auf der Strecke.

In der Corona-Krise sprüht die Politik vor Großzügigkeit. Sie will den Bürgern, die in Isolation zu veröden drohen, eine "neue Normalität" ermöglichen. Niemand meint es da so gut wie das Land Nordrhein-Westfalen. Dort durften diese Woche sogar Möbelhäuser aufsperren. Diese Sehnsuchtstempel sind zwar größer als der Grenzwert, der zunächst bundesweit gelten sollte. Doch sei's drum! Die Leute flehen doch geradezu danach, die wirtschaftlich so wichtige Möbelbranche endlich mit Hamsterkäufen vor dem Verderben zu retten.

Doch dann: große Enttäuschung, als der Marktführer aus Schweden dieser Tage seine Wallfahrtsorte an Rhein und Ruhr wieder öffnete. Weder kann man den quengelnden Nachwuchs im Kinderparadies abgeben - noch jene Hackbällchen mampfen, die man sich nach der mühsamen Wanderung durch die Spanplattenausstellung verdient hat. Der Infektionsschutz verbittet beides. Das soll sie also sein, die neue Normalität?

Mal ehrlich: Natürlich fährt man mit dem Ziel ins Möbelhaus, endlich den ollen Bettvorleger zu ersetzen. Aber dann sitzt man doch wieder in der Cafeteria vor den eigentlich zu süßen Waffeln mit den eigentlich zu süßen Kirschen und freut sich des Lebens, wenn die Ansage ertönt, dass Emilia aus dem Bällebad abgeholt werden will. Am Ende fahren alle glücklich von dannen, mit den neuen Duftkerzen im Kofferraum. Das ist nun mal die Kunst der Dienstleistung. Man geht ja auch nicht nur zum Italiener, um Nudeln zu essen. Sondern weil das Herz aufgeht, wenn Vito den Aperitif kredenzt, später nach einem Espresso fragt und man dann doch spontan die Weinschaumcreme bestellt. Und nun in der Krise? Steht Vito da und verkauft mit zwei Meter Abstand Tagliatelle in der Plastikbox. Ein Jammer!

Soll die Politik doch "Öffnungsdiskussionsorgien" feiern, wie es Kanzlerin Merkel gegeißelt hat. Die "neue Normalität" muss ja nicht allen gefallen. Die wahren Weltretter warten zu Hause auf den Tag, der mit einem Bällebad beginnen und mit Weinschaumcreme enden wird. Dieser Tag wird kommen. Und er wird sehr groß.

© SZ vom 25.04.2020

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