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Zwischen den Zahlen:Viel Geld für nichts

Kleidung, die man nur virtuell tragen kann? Diese Idee könnte in Corona-Zeiten einen neuen Schub bekommen - mit interessanten Nebeneffekten.

Von Elisa von Grafenstein

Nein, Corona und der große Umzug ins Home-Office waren nicht der Auslöser dieser Idee. Schon im vergangenen Jahr hat ein Modehaus bei einer Auktion ein Kleid verkauft, das rein digital war. Der perlmuttfarbige Stoff der knöchellangen Tunika ist animiert. Und zwar so, dass er den Körper des - virtuellen - Modells wie fließend umspielt. Authentisch sieht das nicht gerade aus. Der Bieterin war das Teil trotzdem 9500 Dollar wert, sie kann es jetzt ganz exklusiv auf Fotos tragen. Echtes Geld für nicht echte Dinge und nicht echte Kleidung auszugeben, das ist vor allem in Computerspielen wie "Fortnite" selbstverständlich. Wenn man sich schon keine Luxus-Mode leisten kann, warum nicht wenigstens das digitale Ich ein bisschen aufhübschen?

Corona könnte dem Geschäftsmodell der virtuellen Mode nun Auftrieb verleihen. Immer noch arbeiten viele Menschen im Home-Office, ist ein großer Teil der realen Welt ins Digitale abgewandert. Schon früh in der Pandemie kursierten im Internet Spaßbilder vom Business-Typen, der untenrum Shorts und obenrum stilecht einen Krawatten-Fake trägt. Virtuelle Kleidung bietet da noch ganz andere Freiheiten: Nackt an den Schreibtisch, und vor der Videokonferenz schnell den virtuellen Anzug oder die frisch gekaufte digitale Bluse drüber. Zum Beispiel.

Seinen Reiz hätte der Aufstieg der virtuellen Kleiderbranche auch aus anderen Gründen: Man male sich aus, welch positiven Effekte es haben könnte, wenn die Leute weniger echte und mehr virtuelle Klamotten kauften - angeblich gibt es ja Menschen, die manches Kleidungsstück nur besitzen, um es ein einziges Mal auf Instagram zeigen zu können: Näherinnen müssten nicht mehr unter miesen Bedingungen Billigramschware herstellen, das jährliche Ausmisten wäre endlich Vergangenheit, Altkleidersammelstellen würden nicht mehr überquellen.

Wobei: Theoretisch wäre all das natürlich auch ohne den virtuellen Modequatsch möglich. Aber es wäre halt auch langweiliger.

© SZ vom 12.09.2020

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