Süddeutsche Zeitung

Zwischen den Zahlen:Stille an Kasse 3

Sätze wie "Ein Glückscent für Sie" und "Ich bräuchte noch ein Autogramm von Ihnen" gehörten untrennbar zum Einkauf. Doch moderne Technik macht das sogenannte Gespräch mittlerweile überflüssig. Nun heißt es: Abschied nehmen.

Von Janis Beenen

Wer noch miteinander redet, also so richtig, von Angesicht zu Angesicht, ist eigentlich von gestern. Lässt sich doch im Chat klären. Die Tante jagt gigabyteweise Bilder vom Welpen in die Familiengruppe "Der Weber-Clan". Und der Kumpel regt in "Der Klügere kippt nach" an, mal wieder bowlen zu gehen. Gerne, wenn nur die Terminfindung nicht so kompliziert wäre. Alle haben so viel zu tun - vor allem die nächsten Nachrichten sichten. Das Smartphone stellt die persönliche Kommunikation auf eine harte Probe. Nun könnte man Sorgen um die Existenz des sogenannten Gesprächs leicht als altbacken abtun. Schließlich ist ja alles vergänglich. Beispielsweise in der Mode: Noch kleben weiße Turnschuhe, das Statussymbol für Vorstadtteenager und ihre jung gebliebenen Väter, an etlichen Füßen. Doch sind die aufdringlichen Treter völlig unpraktisch und erfordern daheim unendliche Putz- und Polierarbeit. Die weißen Turnschuhe werden also verschwinden, genau wie Bubble Tea, Nachmittagstalkshows im Privatfernsehen und irgendwann vielleicht auch der Thermomix. Das Smartphone bleibt, es entwickelt sich weiter und macht das gesprochene Wort Schritt für Schritt überflüssig. Mobiles Bezahlen mit dem Handy heißt der Trend, der nun auch das letzte Stückchen Menschlichkeit aus dem Einzelhandel vertreibt. Wunderbare Dialoge sind auf Abschiedstournee. Ist es nicht schön, wenn die Kassiererin noch den "Glückscent für Sie" zurück gibt? Zugegeben, nie steht danach ein Topf voller Gold auf dem Discounterparkplatz. Dennoch kann der Satz einen beflügeln. Bald ist er wohl überflüssig, genau wie die Unterschrift auf dem Kassenbon. Die Bitte des Kassierers, "Ich bräuchte noch ein Autogramm von Ihnen" (wahlweise auch "Da müssten Sie noch IhrenKaiser Wilhelm daruntersetzen."), war lange Auftakt für glamouröse Momente. Auf der Vorderseite des Bons der Einkauf: Milch, Tütensuppe, Leipziger Allerlei aus dem Tiefkühlregal. Auf der Rückseite: ein Autogramm. Beverly Hills war nie näher.

Die Hoffnung ruht nun auf den Kassiererinnen und Kassierern, dass sie der Sprachlosigkeit trotzen. Eine Zunft, die Dialoge wie "Beleg?" - "Nein" - "Dann kommt's in die Rundablage" hervorbringt, findet sicher ein paar kecke Worte für Apple Pay, Google Pay und alle anderen Pays, die es so gibt.

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Quelle:
SZ vom 06.04.2019
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