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Zwischen den Zahlen:Plastikschmerz

Lego-Steine können Waffen sein. Mehr Ärger gibt es aber, wenn Waffen zu Lego-Modellen werden. Der Her­steller zieht jetzt ein Modell zurück.

Von Valentin Dornis

Wer einmal des Nachts unbeschuht auf einen Lego-Stein trat, der weiß, dass es oft die kleinen Dinge sind, die im Leben den größten Schmerz bereiten. Wobei das natürlich eine Frage der Perspektive ist. Oft sind es dieselben kleinen Dinge, die anderen die größte Freude bereiten.

In diesem Falle hängt die Bewertung wohl davon ab, ob man das Kind ist, das sonntags um sechs Uhr früh schon eifrig auf der Suche nach dem fehlenden Bauteil mit den Armen durch die große Lego-Kiste wühlt. Oder ob man das Elternteil ist, das sich, vom klirrenden Rauschen der Steine geweckt, auf den Weg ins Bad macht und dabei das Gefühl gewinnt, über Scherben zu schreiten.

Dass die kleinen Kunststoff-Klemmbausteine nicht so unschuldig sind, wie sie auf den ersten Blick wirken, ist also hinlänglich bekannt. Besonders heikel wird es aber, wenn es statt um scharfe Kanten um weltanschauliche Fragen geht. Ein neues Lego-Modell wirkte nämlich gar nicht erst harmlos: Es war einem Flugzeug nachempfunden, das von der US-Armee eingesetzt wird. Einer Bell-Boeing V-22 Osprey, ein sogenanntes Kipprotor-Wandelflugzeug. Das klingt schon nach einem Teufelsgerät, und auf der Verpackung prangten auch noch die Logos der Rüstungsunternehmen Bell und Boeing. Ein Kinderspielzeughersteller, der Lizenzgebühren an Kriegsindustrie zahlt? Entrüstung machte sich breit, Aktivisten starteten Proteste - und Lego zog das Modell noch vor dem Verkaufsstart zurück.

Das Set sollte etwa 125 Euro kosten. 1636 Einzelteile, zwei Motoren, 53 Zentimeter lang: Ob ein solches Modell überhaupt noch ein Kinderspielzeug ist? Längst sind schließlich auch die mündigen Eltern zur Zielgruppe geworden, mit Modellen wie dem Imperialen Sternenzerstörer, einem Raumschiff aus der Star-Wars-Filmwelt, das fast 700 Euro kostet und aus 4784 Teilen besteht. Und das für eine ganz besondere Art des Schmerzes sorgen kann, wenn die lieben Kleinen das endlich fertig aufgebaute Modell beim Toben von der Kante des Wohnzimmertisches stoßen.

© SZ vom 25.07.2020

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