bedeckt München 32°

Zwischen den Zahlen:Nicht die Bohne

Kaffeeloser Kaffee, fleischloses Fleisch: Der Trend geht zum Ersatzprodukt. Wo führt das noch hin?

Von Harald Freiberger

Es gehört zu den größten Zwickmühlen der Menschheit, dass das Gute nicht gesund und das Gesunde nicht gut ist. Der Hausarzt hat einmal gesagt, man solle es doch mit alkoholfreiem Bier probieren, es gebe da inzwischen wirklich wohlschmeckende Sorten. Uns aber fiel dazu nur der Satz von Mundl Sackbauer aus der Fernsehserie "Ein echter Wiener geht nicht unter" ein, als man ihm empfiehlt, nicht so viel Bier zu trinken: "Da bin ich ja kein Mensch mehr."

Weil das Gute nicht gesund ist, hat der Mensch Ersatzstoffe erfunden, die genauso schmecken sollen wie die Ausgangssubstanz, aber gesund sind. Gerade hat das US-amerikanische Start-up Atomo Coffee Inc. einen Kaffee vorgestellt, der ohne Kaffeebohnen auskommt; er besteht aus gerösteten und gemahlenen Kernen von Sonnenblumen und Wassermelonen, die durch einen chemischen Prozess bei Geschmack und Mundgefühl angeblich die perfekte Illusion von echtem Kaffee erzeugen.

Dazu passt, dass in Deutschland 2020 die Produktion von vegetarischen oder veganen Alternativen zum Fleisch um 39 Prozent auf 83,7 Millionen Tonnen gestiegen ist, wie das Statistische Bundesamt am Freitag mitteilte. Sie bestehen zum Beispiel aus Erbsen-Protein und, der blutigen Farbe wegen, aus Roten Beten. Es gibt nicht nur fleischloses Fleisch, bierloses Bier und kaffeelosen Kaffee, es gibt auch eilose Eier, milchfreie Milch, zuckerfreie Cola und weinlosen Wein. All diese Ersatzstoffe boomen, weil die Menschen gesund bleiben wollen, und man fragt sich, ob künftige Generationen noch wissen werden, was das war: echtes Fleisch, echtes Bier, echter Kaffee.

Ersatzprodukte kannte man auch früher schon, in Notzeiten: Im Zweiten Weltkrieg gab es verdünnten Kaffee, der "Muckefuck" hieß, und verdünntes Bier, das "Schöps" genannt wurde. Bauern verfütterten nach schlechten Ernten im Winter an ihre Kühe Heu, das mit zerkleinertem Stroh gestreckt wurde. Die Tiere aber sagten sich schon damals: "Da bin ich ja keine Kuh mehr."

© SZ
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB