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Zwischen den Zahlen:Bekenntnisse

Die Mehrwertsteuersenkung entlarvt, was für ein Mensch man ist: kapitalistischer Egoist, der den Steuervorteil nur für sich allein will - oder ein empathisches Wesen, das sich um das Auskommen seiner Mitmenschen sorgt.

Von Valentin Dornis

Es gibt Menschen, die beherrschen die Prozentrechnung jederzeit mühelos. Und es gibt solche, die immer wieder aufs Neue nachschauen müssen, wie das noch mal genau funktioniert. Für Menschen, die ersterer Gruppe angehören, sind nun glorreiche Zeiten angebrochen. Bei jedem noch so kleinen Einkauf können sie brillieren und souverän verkünden, ob die seit dieser Woche reduzierten Mehrwertsteuersätze korrekt an die Kunden weitergegeben werden.

Kaufte man in dieser Woche irgendwo ein, konnte man allerdings den Eindruck gewinnen, die Einzelhändler würden ihre Kunden mehrheitlich letzterer Gruppe zuordnen. Als wären die Deutschen allesamt Prozentrechnungs-Versager, wurde ihnen vorgerechnet, warum welche Wasserflasche jetzt einen Cent weniger kostet. Allerorten gab es Flyer, Aushänge, Hinweisschilder. In manchen Supermärkten waren die Waren in den Regalen vor lauter Preissenkungs-Zetteln kaum noch auszumachen.

Immerhin zeigte diese papierne Hinweisorgie, wie unterschiedlich trickreich Unternehmen mit den Neuerungen umgehen. Eine Drogeriekette flunkerte, sie gebe die Steuersenkung gerne an die Kunden weiter. Stattdessen verlangte sie einfach weiter die alten Preise und verteilte Drei-Prozent-Gutscheine für den nächsten Einkauf. Mehr Geld ausgeben müssen, um zu sparen - ein seltsames Prinzip. Ein Münchner Gartencenter setzte gleich auf emotionalen Druck: Es stellte seine Kunden vor die Wahl, ob sie lieber einen Rabatt berechnet haben oder die Ersparnis als Trinkgeld an die Mitarbeiter weitergeben wollen.

So führt die Mehrwertsteuersenkung an der Kasse zu einem öffentlich Bekenntnis, was für ein Mensch man sei: Ein kapitalistischer Egoist, der den Steuervorteil nur für sich allein will, oder ein empathisches Wesen, das sich um das Auskommen seiner Mitmenschen sorgt. Immerhin müssen die anderen Kunden ja noch mindestens 1,50 Meter Abstand halten und hören vielleicht nicht, wie das Bekenntnis ausfällt.

© SZ vom 04.07.2020

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