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Zweitausendeins:Der Zeitgeist siegt

Ende einer Ära: Zweitausendeins, hier eine Filiale in der Münchner Türkenstraße, schließt.

(Foto: Catherina Hess)

In wenigen Wochen wird in Frankfurt der letzte Laden des Versandhändlers schließen. Der Inhaber blickt zurück auf 40 Jahre im Unternehmen.

Von Jan Willmroth, Frankfurt

Das Ende ist nah, und Robert Egelhofer sieht ihm schon lange entgegen. Er kann jetzt die Tage zählen, an denen er noch am Morgen die automatische Schiebetür aufschließt und das Licht einschaltet und vorbeigeht an den Künstlerbiografien und Architekturbänden in weißen Regalen, in denen jetzt die Lücken größer werden, weil keine neue Ware mehr nachkommt. Tage, an denen er hinter der Theke vor den CD-Regalen steht und Stammkunden zu ihm kommen, mit Tränen in den Augen: "Was soll ich denn jetzt ohne Euch machen?", fragen die.

Er kann Trost spenden, eine gute Antwort hat er nicht. Egelhofer ist der letzte seiner Art, ihm gehört der letzte Laden, über dessen Tür noch Zweitausendeins steht, schwarz auf weißem Grund, der letzte war auch der erste. Mit diesem Laden wird der Name im März endgültig aus der letzten deutschen Innenstadt verschwinden, Frankfurter Kornmarkt, bald 43 Jahre bundesdeutsche Geschichte. Hinein ins Geschäft, hinter der Theke rechts, die enge Kellertreppe hinunter, Neonlicht, Egelhofer, 58, sitzt am alten Schreibtisch, darauf Post-Kisten mit Rechnungen, an der Wand abgenutzte Büro-Regale. "Wir haben 2013 und 2014 noch relativ normale Umsätze gemacht", sagt er, Brille, graues Karohemd und Cordhose, "danach war der Wurm drin."In Frankfurt fing die Legende einst an, in Frankfurt findet sie jetzt ihr Ende.

Wie jede erfolgreiche Gründer-Geschichte beginnt sie mit einem Mythos. Zwei Frankfurter Studenten in einer Kellerwohnung, Tütensuppe und billiger Chianti, das Filmepos "2001" von Stanley Kubrick im Sinn, sie kommen auf die Idee, Bücher und Musik zu erschwinglichen Preisen anzubieten, zuerst im Versandhandel. Man schrieb das Jahr 1969, das Kataloggeschäft erlebt seine Blütezeit, und im Wind der 68er-Bewegung verlangt eine ganze Generation nach intellektueller Nahrung.

Lutz Reinecke und Walter Treumann umgingen den Buchhandel, sie verschickten lauter Zeug, Buttons und Hippie-Utensilien, dazu billige Restauflagen von Büchern und später Schallplatten. Ramsch und Revolution, vermischt im "Merkheft" zu einem einzigartigen Konzept. Die Bundespost brachte Jazzplatten und gesammelte Werke, Mao-Bibeln und Aufklärungsliteratur à la Günter Amendt in die hintersten Winkel der Republik. Vieles gab es nirgendwo günstiger, und vieles gab es überhaupt nur bei Zweitausendeins.

Robert Egelhofer war gerade 18 geworden, damals in seiner Heimat Freiburg, vierzig Jahre her, er hatte im Zweitausendeins-Geschäft einen Ferienjob: "Und dann habe ich die ganze Entwicklung mitgemacht." Der schnelle Erfolg, die Schallplatten, der mit dem eng bedruckten und dünnseitigen Merkheft schnell erreichte Kultstatus. Die Läden, einer nach dem anderen, zuerst in Frankfurt, dann Berlin, Mannheim, Hamburg und in weiteren Städten, 14 Filialen insgesamt. Es kamen die Achtzigerjahre, die ersten CDs, damals noch für 30 bis 50 Mark. "Ich weiß noch, wie Zweitausendeins 1987 oder 88 eine Klassikreihe herausbrachte, für 6,90 Mark", sagt Egelhofer, "die wurde uns natürlich aus den Händen gerissen."

Er ging nach Berlin an die Uni, studierte Kaufmann und blieb Zweitausendeins treu. Die Mauer fiel, Berlin war wieder eins, und im Osten war die Lust auf Literatur und Musik so groß, dass man den Laden an der Kantstraße nur noch betreten durfte, wenn ein anderer Kunde ihn verließ. "Man konnte sich in dem Geschäft nicht einmal mehr umdrehen", sagt Egelhofer und schaut hoch zur Kellerdecke. Ach, diese Zeit.

Das Weihnachtsgeschäft war ein Desaster. Es lohnt sich einfach nicht mehr

Wenig später, Anfang der Neunzigerjahre, suchten sie in der Frankfurter Zentrale einen Assistenten der Geschäftsleitung, Egelhofer bewarb sich, zog an den Main und arbeitete an der Seite von Walter Treumann. Der trat 1997 ab und machte Egelhofer zu seinem Nachfolger. Fortan kümmerte er sich ums operative Geschäft und das Personal, zu Spitzenzeiten mehr als 200 Mitarbeiter, die DVD kam auf und damit eine weitere Gelegenheit für Zweitausendeins, andere Händler zu unterbieten. Der Umsatz stieg, noch 2005 lag er bei etwa 40 Millionen Euro. Und dann verpasste ausgerechnet Zweitausendeins die Zukunft.

Die Gesellschafter verkauften ihre Firma im Jahr 2006 an Investoren aus Leipzig, dorthin zogen sie auch mit der Zentrale. Egelhofer ging mit und blieb noch eine Weile, er hatte so viel Erfahrung. Als 2012 die Ansage kam, die Filialen würden alle geschlossen, hielt er es nicht mehr lange aus. Er kannte den Frankfurter Filialleiter seit bald 30 Jahren, tat sich mit ihm zusammen, übernahm den Laden und behielt die Marke. Dann kam 2015, "katastrophal", 2016, noch einmal ein Drittel weniger Umsatz, das Weihnachtsgeschäft ein Desaster.

Als Zweitausendeins im Dezember auch noch die Rechte am Merkheft verkaufte, der Seele von einst, war Egelhofer nicht mehr weit vom Aufgeben entfernt. Wenige Wochen noch, dann packen er und seine Mitarbeiter die Restbestände in Kisten und löschen zum letzten Mal das Licht. Zurück bleibt ein reiner Online-Händler, mit den üblichen Kampfpreisen. Und der Staub aus Jahrzehnten der Gegenkultur, deren letztes Aufgebot in Frankfurt jetzt dem Zeitgeist weicht.

© SZ vom 27.01.2017
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