Zuwanderung nach Deutschland:Qualifizierte Zuwanderung und Flüchtlingsproblem sind zwei Paar Stiefel

Allerdings: Man darf das Thema qualifizierte Zuwanderung nicht mit dem Flüchtlingsproblem vermischen. Es empfiehlt sich dringend, grundsätzlich zwischen arbeitswilligen Zuwanderern und Asylsuchenden zu unterscheiden. Letztere müssen von der ökonomischen Kostenberechnung der Zuwanderungseffekte ausgenommen werden.

Womit wir bei der Moral sind. Flüchtlinge aufzunehmen, ist eine Frage von Anstand und Ehre - das gilt heute und das gilt noch auf lange. Es kann ja sein, dass auch ein Land wie Deutschland eines Tages an die Grenzens einer Belastbarkeit kommt. Dass es dann heißen wird: Grenze zu, Schutzzaun hoch, und man lässt die Massen abprallen, wie im Mittelalter die belagerte Burgbesatzung die Angreifer im Wassergraben ersaufen ließ.

In dieser krassen Form wäre es das hässliche Gesicht Wohlstands-Europas und man kann nur hoffen, dass es nie zu sehen sein wird; im Kleinen allerdings findet dieser Abschreckungsprozess tagtäglich statt. Über all das muss man gegebenenfalls reden, muss man einen großen moralischen Disput führen - wenn es denn ansteht, wenn es denn anstünde!

Von wegen "Das Boot ist voll"

Heute aber steht der Sozialstaat nicht vor dem Kollaps, sicher nicht. "Das Boot ist voll" zu proklamieren, ist einfach lachhaft. Wer sieht, wie kleine Staaten sich bemühen, wen sie alles aufnehmen, was die Türkei leistet und der Libanon, dann muss man sagen: Da geht noch viel in Deutschland.

Hinzu kommt, dass die, die vor allem und womöglich auf Dauer Hilfe brauchen, nur ein Teil derer sind, die nach Deutschland kommen. Die große Zahl von annähernd 200 000 Asylbewerbern in diesem Jahr setzt sich ja aus vielen Gruppen zusammen, allein aus 20 Prozent Syrern, die allgemein gut ausgebildet und integrationsfähig sind. Daneben gibt es noch die EU-Ausländer, denen die Freizügigkeit zusteht. Sie galten noch vor ein paar Jahren als große Gefahr. Manche befürchteten damals, halb Mittelosteuropa käme nach Deutschland. Wir halten mal fest, dass das nicht passiert ist.

Und dass selbst die Zuwanderer aus den armen EU-Staaten Bulgarien und Rumänen weit besser integriert sind als vielfach erwartet; sie können auf eine Beschäftigungsquote von 56 Prozent verweisen - wer hätte das gedacht! Gleichzeitig hat sich der Zuzugssaldo von Türken, die noch vor ein paar Jahren die Diskussion im Land bestimmten, umgekehrt. Heute verlassen mehr Türken Deutschland, als neue hinzu kommen - wissen das die Pegida-Demonstranten?

Aus all dem kann man lernen, die ökonomischen Wirkungen der Zuwanderung nicht zu überschätzen. Die Netto-Effekte für Deutschland sind insgesamt vermutlich geringer, als es die aufgeregte aktuelle Debatte glauben machen kann.

Das Schlimmste, was nun passieren kann, ist, dass die Debatte dreht, dass das Land sich abschottet, dass wieder der hässliche Deutsche zum Vorschein kommt, der gerade ein wenig in Vergessenheit geraten ist. Das ist eine interessante Parallele zur Euro-Debatte. Auch dort kann man manches ökonomisch gut begründen, was politisch gewaltigen Schaden anrichten würde. Insofern muss auch die Migrantendebatte verantwortlich geführt werden. Mit politischer Korrektheit hat das wenig zu tun, viel aber mit politischer Klugheit.

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