Süddeutsche Zeitung

Zuwanderung:Deutschland fällt im Wettbewerb um Fachkräfte zurück

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Die deutsche Wirtschaft braucht dringend hochqualifizierte Zuwanderer. Doch die gehen immer öfter lieber in andere Länder, wie eine Studie zeigt.

Von Roland Preuß, Berlin

Trotz jahrelanger Bemühungen, mehr Fachkräfte aus dem Ausland anzuziehen, hat Deutschland an Attraktivität für Hochqualifizierte eingebüßt. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung der Industrieländerorganisation OECD und der Bertelsmann-Stiftung, die am Donnerstag in Berlin vorgestellt wurde. Demnach haben zwar nach wie vor viele auswanderungsbereite Akademikerinnen und Akademiker grundsätzlich Interesse an Deutschland. Im internationalen Vergleich wirkt Deutschland allerdings weniger ansprechend auf Hochqualifizierte und Unternehmer, auch Start-up-Gründer finden in einer Reihe anderer Staaten bessere Bedingungen vor.

Die FDP, die seit Jahren großzügigere Zuwanderungsregeln fordert, verlangte Verbesserungen, insbesondere für Gründer. "Für Gründer mit Potenzial sollten die Möglichkeit geschaffen werden, schneller und einfacher einen Aufenthaltstitel zu erlangen", sagte die Zuwanderungsexpertin der FDP-Bundestagsfraktion, Ann-Veruschka Jurisch, der SZ. "Auch muss es möglich sein, Aufenthaltsanträge für Gründer auch in englischer Sprache einzureichen." Vor Kurzem hat das Bundesinnenministerium einen ersten Gesetzentwurf für die erleichterte Zuwanderung von Arbeitskräften vorgelegt.

Die OECD hatte bereits 2019 die Rahmenbedingungen für qualifizierte Zuwanderer untersucht und die Studie nun wiederholt und erweitert. Maßstäbe waren unter anderem die Zukunftsaussichten für Einwanderer, Einkommen und Steuern, Möglichkeiten für Familienmitglieder und die Lebensqualität. Auch Hürden bei der Visaerteilung wurden berücksichtigt.

Bei den hochqualifizierten Fachkräften aus dem Ausland fiel Deutschland in der Beliebtheit vom 12. Platz im Jahr 2019 auf den 15. Platz zurück. Laut OECD sind Neuseeland, Schweden, Schweiz, Australien und Norwegen für diese Zielgruppe am attraktivsten. Bei Unternehmerinnen und Unternehmern aus dem Ausland sind demnach Schweden, die Schweiz, Kanada, Norwegen und Neuseeland Spitze. Deutschland fällt auch hier zurück und landet gegenüber dem 6. Platz 2019 jetzt nur noch auf Platz 13.

Seit Jahren versuchen die wechselnden Bundesregierungen mehr Fachkräfte aus Staaten von außerhalb der EU anzuwerben. Hintergrund ist, dass die Gesellschaft altert und damit absehbar weniger inländische Arbeitskräfte zur Verfügung stehen. Um dies auszugleichen beziffern Fachleute wie der Migrationsforscher Herbert Brücker vom Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) den Bedarf auf jährlich 400 000 Zuwanderer - und zwar netto, das heißt abzüglich derer, die das Land wieder verlassen.

Das Institut für Arbeitsforschung meldet "ein neues Allzeithoch" bei offenen Stellen

EU-Bürger genießen Freizügigkeit und können vergleichsweise problemlos eine Beschäftigung in Deutschland aufnehmen, allerdings geht die Zahl der EU-Zuwanderer seit Jahren zurück. 2019, dem letzten Jahr vor einem Einbruch durch die Corona-Pandemie, waren unter dem Strich noch gut 112 000 Menschen nach Deutschland gezogen. Aus anderen, sogenannten Drittstaaten, waren gut 64 000 gekommen. Derzeit verschärft sich der Mangel an Arbeitskräften weiter, am Donnerstag erklärte das IAB, es habe Ende 2022 fast zwei Millionen offene Stellen gegeben, ein "neues Allzeithoch".

Warum aber steht Deutschland im weltweiten Wettbewerb um Fachkräfte und Unternehmer schlechter da als früher? Dies liegt laut OECD vor allem daran, dass andere Staaten immer bessere Angebote machen. Deutschland sei im Rückstand bei der Digitalisierung, was sich schon bei den - oft langwierigen - Visaverfahren bemerkbar mache. Als Nachteil sieht die Untersuchung zudem vergleichsweise hohe Steuern für Spitzenverdiener und eine "zögerliche" Einbürgerungspraxis, also Schwierigkeiten, die deutsche Staatsbürgerschaft zu erhalten.

Weitere Nachteile sind, dass Hochqualifizierte aus dem Ausland vergleichsweise oft in Jobs arbeiten, für die sie überqualifiziert sind. Unternehmer schreckten zudem die Versäumnisse in der Digitalisierung Deutschlands ab, etwa, der schleppende Ausbau des Glasfasernetzes für schnelles Internet. Deutschland, so fasst es die Bertelsmann-Stiftung zusammen, sei für Akademiker mit mindestens einem Masterabschluss "nach wie vor nur mäßig attraktiv, zudem mit absteigender Tendenz". Mängel machen die Forscher auch bei der Anwerbung von Start-up-Gründern aus. Es gebe keine maßgeschneiderten Visa für diese Gruppe und geringere Berufschancen, Deutschland belege im internationalen Vergleich nur Platz 12.

Die FDP-Politikerin Jurisch machte die Versäumnisse der vergangenen Jahre "und vor allem der Bräsigkeit der Union" für den schlechten Zustand der Digitalisierung verantwortlich. Der Weg zur Wettbewerbsfähigkeit sei nun ein "langer und mühsamer Weg". Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) wollte sich auf Anfrage nicht zur der Studie äußern.

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