Zurückgezogene Werbung Daimler hat mit dem Kniefall vor Peking seine Seele verkauft

Daimler bedauere es, die "Gefühle des chinesischen Volkes verletzt" zu haben, heißt es. Doch so spricht kein deutsches Unternehmen, so formuliert die Parteipropaganda.

(Foto: dpa)

Für den Autobauer siegt das Geschäft über Meinungsfreiheit und Moral. Das ist jämmerlich - und leider ein Trend beim Umgang mit der KP Chinas.

Kommentar von Kai Strittmatter

Grundsätzlich ist erst einmal nichts dagegen zu sagen, wenn ein Autounternehmen sich dafür entschuldigt, mit der Weisheit des Dalai Lama Werbung gemacht zu haben. Es ist tatsächlich ein schmerzliches Schauspiel, wenn das Social-Media-Volk der Industrie sich zum Zwecke der Klick- und Profitsteigerung am Buddhismus und seinen religiösen Führern vergreift. Der Autobauer Daimler allerdings, der sich dieser Missetat am Montag schuldig gemacht hatte, entschuldigte sich nun eben nicht beim Dalai Lama - sondern beim chinesischen Volk, in Wirklichkeit aber bei der KP Chinas, die den Dalai Lama mehr oder weniger für die Ausgeburt des Teufels hält. Und das war dann schon mehr als schmerzlich. Das war ein jämmerliches Schauspiel.

Denn es ist unfassbar, was da passiert ist: Daimler entschuldigt sich bei Peking für das Zitat eines Friedensnobelpreisträgers auf dem Konto eines Social-Media-Dienstes (Instagram), der auf der ganzen Welt gelesen wird, in China selbst aber verboten und blockiert ist. Und dann hat die Firma noch die Chuzpe, den Kniefall mit ihrer Werteorientierung zu begründen: "Als globales Unternehmen respektieren wir China wie alle unsere Märkte mit ihren verschiedenen Wertesystemen." Das tut Daimler natürlich nicht: Der Kotau vor Peking ist eine Ohrfeige für jenen Rest der Welt, der erstens die Meinungsfreiheit und zweitens vielleicht auch den Dalai Lama ganz in Ordnung findet. Aber es geht ja gar nicht um Respekt. Es geht um die Angst und ums Geschäft.

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Wie andere Firmen auch ist Daimler längst abhängig vom chinesischen Markt. Die Firma setzt schon jedes vierte Auto in China ab. Mit einem Mal aber wacht man auf und stellt fest: Geschäfte mit und in autokratischen Staaten haben ihren Preis. Ehe man sich versieht, hat man dazu auch sein Rückgrat und ein Stück seiner Seele verkauft.

Entschuldigen mussten sich auch schon andere, in diesem Jahr die Hotelkette Marriott und das Modehaus Zara, weil sie auf ihrer Webseite Hongkong und Taiwan als eigenständige Länder geführt hatten. Wie diese Firmen zu Kreuze krochen, war auch traurig anzusehen - aber die Entschuldigung, die Daimler auf Chinesisch veröffentlichte, die ist in Sachen Servilität noch einmal eine Klasse für sich. Vom Bedauern darüber, die "Gefühle des chinesischen Volkes verletzt" zu haben bis zum Gelöbnis, "unverzüglich unser Verständnis von der chinesischen Kultur und ihren Wertvorstellungen zu vertiefen" - also zur Politschulung anzutreten: So spricht kein deutsches Unternehmen, so formuliert die Parteipropaganda.

Der Vorfall ist lehrreich, er steht für einen Trend. Der Zufall wollte es, dass exakt am Tag des Daimler-Debakels in Berlin die Studie zweier deutscher Denkfabriken veröffentlicht wurde, deren Autoren Chinas schleichende Einflussnahme in Europa dokumentieren. Bis ins Detail beschreibt das Papier, wie Chinas KP längst europäische Politiker, Medien, Universitäten, Denkfabriken zu beeinflussen versucht. Die Studie spricht von einer "gewaltigen Herausforderung für die liberale Demokratie und für Europas Werte und Interessen".

Die Webseite von Daimler preist "Integrität" als Unternehmenswert: "Wir richten unser Handeln auch an ethischen Grundsätzen und einem gemeinsamen Werteverständnis aus." Mit seinem Kniefall hat Daimler all das verraten.

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