Zum Tod von Sergio Marchionne Retter, Rocker, Provokateur

Der langjährige Fiat-Chef Sergio Marchionne galt als legendärer Manager der Autoindustrie.

(Foto: Boris Roessler/dpa)
  • Der langjährige Fiat-Manager Sergio Marchionne war bekannt für seine markigen Sprüche und seine harte Verhandlungstaktik.
  • Er brachte die Fiat-Mitarbeiter mit seinen Plänen oft gegen sich auf. Doch letztlich rettete er das Unternehmen vor dem Aus.
  • Nun verstarb der 66-jährige Marchionne in Zürich.
Nachruf von Thomas Fromm

Bei seinem letzten öffentlichen Auftritt Ende Juni - zwei Tage bevor er für eine Schulteroperation ins Krankenhaus ging - übergab er einen Jeep an die römischen Carabinieri. Italienische Medien beschrieben Fiat-Chrysler-Chef Sergio Marchionne an jenem Tag als müde und erschöpft. Aber für den Italo-Kanadier, der aus den süditalienischen Abruzzen stammte und dessen Vater dort als Carabiniere gearbeitet hatte, sei dieser Auftritt ein Pflichttermin gewesen. Der letzte. Nach der Operation in einem Züricher Krankenhaus gab es schwere Komplikationen, bereits am Wochenende hatte John Elkann, Erbe der Fiat-Familie Agnelli, klargemacht: Marchionne kommt nicht wieder. Und er ernannte einen Nachfolger: Mike Manley, langjähriger Chef der Fiat-Chrysler-Tochter Jeep und enger Vertrauter Marchionnes.

Jetzt ist Marchionne mit 66 Jahren gestorben. "Leider ist das eingetreten, was wir befürchtet hatten", erklärte Elkann. "Sergio Marchionne, Mensch und Freund, ist tot."

Radikalsanierer, Experimentalfusionierer, "Bulldozer", und am Ende der Retter der italienischen Autowelt: Italien hatte bisweilen seine Probleme mit diesem Mann, der als Anwalt und Wirtschaftsprüfer gearbeitet hatte, bevor er vor knapp 15 Jahren nach Turin kam.

Marchionne brachte Ferrari an die Börse

Er strich Jobs, legte sich mit Gewerkschaften und Politikern an, fusionierte Fiat mit dem US-Hersteller Chrysler, zerlegte die alte italienische Autofamilie aus Fiat und Ferrari, indem er den Sportwagenbauer an die Börse brachte, und er verlagerte die Zentrale des Fiat-Konzerns nach Amsterdam und London. Das war ziemlich viel auf einmal, vor allem für einen Autobauer, für den Tradition immer mindestens so wichtig war wie die Autos selbst.

Ohne Marchionne aber, sagen sie in Turin, gäbe es Fiat heute womöglich nicht mehr. Denn als er kam, war die alte Fabbrica Italiana Automobili Torino, 1899 gegründet, nach Jahren des Missmanagements so gut wie am Ende. "Wir verlieren zwei Millionen Euro am Tag, die Situation ist nicht einfach" - das war Marchionnes erste Diagnose, gleich am Anfang.

Der Mann interessierte sich nur am Rande für Autos. Viel mehr interessierten ihn die Zahlen. Von Deutschland aus schauten die "Car-Guys" fassungslos auf das, was da in Turin vor sich ging. Aus dem Chrysler 300 C wurde ein sehr unitalienischer Lancia Thema (der mit einem klassischen Lancia nur wenig zu tun hatte); ein Dodge Journey wurde zum Fiat Freemont. Puristen in der Autoindustrie halten das Umetikettieren von Marken, sogenanntes Badge Engineering, für ein Sakrileg. Der unorthodoxe Marchionne aber machte daraus eine Strategie. Seine Strategie. Und sein Plan ging auf, ein paar Jahre später war Fiat-Chrysler wieder schuldenfrei. Marchionne sah es so: Was nützen einem die schönsten und originellsten Autos, wenn die Firma am Ende noch pleitegeht? Eben.

Das italienische Parlament gedenkt ihm mit einer Schweigeminute

Am besten lässt sich diese sehr spezielle Fiat-Ära wahrscheinlich so beschreiben: Jahrzehntelang wurde Fiat von Mitgliedern der Agnelli-Familie oder deren enger Entourage geführt. Als der stolze Autobauer zum Pleitekandidaten und die Verzweiflung in den Turiner Salons groß wurde, ließ man es den Branchenfremden Marchionne machen. Viel schlimmer konnte es ja nicht werden. Marchionne verbrachte viel Zeit mit Bankern und Analysten, und irgendwie war klar: Der Mann könnte alles machen, jetzt macht er halt gerade in Autos. In einer Branche, in der es sehr darum geht, "Benzin im Blut" zu haben, macht einen so etwas schnell suspekt.

Am Dienstag legte das Parlament in Rom eine Schweigeminute für Marchionne ein, und Ex-Regierungschef Paolo Gentiloni erklärte über Twitter: "Sie haben Italiens Stolz weltweit verbreitet." Fiat-Aktien brachen um mehr als 15 Prozent ein.

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