Süddeutsche Zeitung

Zum Tod von Michele Ferrero:Chefversüßer der Welt

Nutella und Mon Chéri machten ihn berühmt, seine Angestellten verehrten ihn für seine menschliche Nähe. Michele Ferrero steht für die Blüte des italienischen Familienkapitalismus: von einer kleinen Konditorei im Piemont zum milliardenschweren Weltkonzern.

Von Oliver Meiler, Rom

Im Italienischen unterscheidet nur eine feine Variation, ein kleines Anhängsel, einen Vater von einem Chef, einen Padre von einem Padrone eben. Und in gewissen Fällen geht mit der Zeit auch diese Nuance verloren, sinnbildlich zumal. Michele Ferrero war so ein Chef, ein väterlicher und deshalb auch ein paternalistischer, schlecht im Delegieren und misstrauisch gegenüber den Managern. Bei unternehmerischen Persönlichkeiten wie ihm bemüht man dann gerne die abgedroschene Formel "Chef alter Schule". Sie passt wunderbar, auch in der Folklore.

Seine Angestellten im heimischen Alba im norditalienischen Piemont verehrten ihn für seine menschliche Nähe, für seine Bodenständigkeit trotz des Erfolgs, für seine Treue zur Heimat, obschon das Unternehmen über die Jahrzehnte hinweg zum multinationalen Konzern mit Produktionsstandorten in zwanzig Ländern und 30.000 Mitarbeitern angewachsen war.

Und so werden dem stets geheimnisvollen und öffentlichkeitsscheuen Chefversüßer der Welt, dem Erfinder so globaler Marken wie Nutella und Mon Chéri und Kinder und Ferrero Rocher und Pocket Coffee und Tic Tac, nach seinem Tod mit 89 Jahren nun viele Hommagen zuteil, die weit über seine Leistung als Unternehmer hinausgehen. Es sind auch nostalgische Töne dabei. Die Firmengeschichte von Ferrero ist eines dieser klassischen Beispiele aus der Blüte des italienischen Familienkapitalismus, eine Geschichte des Aufstiegs aus der kleinen Provinz in die große Welt, eine ferne Erinnerung.

Sie begann in den Vierzigern in einer Konditorei an der Via Rattazzi in Alba, südlich von Turin. Micheles Vater Pietro und dessen Bruder Giovanni führten das Geschäft, man kannte es bald in der ganzen Gegend. Die Brüder hatten die Idee, statt auf reine Schokolade auf nussige Crème zu setzen. Die Basis dafür, Nüsse eben, gab es im Piemont immer in großer Menge.

Mon Chéri kam zuerst in Deutschland auf den Markt

Michele Ferrero lernte Konditor, bildete sich kaufmännisch fort. Mit 32 Jahren, nach dem Tod des Vaters und des Onkels, übernahm er das Geschäft, verfeinerte die Hauscrème und brachte sie 1964 als Nutella auf den Markt. Der Name sollte italienisch klingen und international taugen. Das Rezept war ihm so heilig, dass er es auf Arabisch übersetzen ließ und in einem Büro für geistiges Eigentum in Kairo unterbrachte. Weit weg von möglichen Petzern. Nur so viel weiß man: In jedem 400-Gramm-Glas Nutella stecken 50 Nüsse. Und da Ferrero heute jedes Jahr 350.000 Tonnen des Brotaufstrichs produziert, beansprucht das Unternehmen mittlerweile ein Viertel der gesamtem Weltproduktion an Nüssen.

Seine Pionierleistung aber, so jedenfalls sah das Michele Ferrero selbst, war "Mon Chéri", eine Praline mit einverleibter Kirsche, die er bereits 1956 auf den Markt gebracht hatte - und zwar zunächst einmal in Deutschland. Der Turiner Zeitung La Stampa erzählte er einmal, er habe die hübsch und einzeln verpackte Schokoladenkonfektion damals in ein versehrtes Land bringen wollen, dessen Menschen noch an den Folgen des Krieges litten: "Diese Praline kam wie ein kleines Geschenk daher, es funktionierte zwischen Verlobten, zwischen Ehefrau und Ehemann, und für das Schenken brauchte es kein Fest und kein Jubiläum." Ein Interview war das damals nicht, nur ein Hintergrundgespräch, das La Stampa nun posthum veröffentlicht. Michele Ferrero gab in seinem ganzen Leben kein einziges Interview. Er äußerte sich auch nie über politische Belange. Es gab nur die Firma, die Familie.

Michele und seine "Veronica"

Seine Durchschnittskundin nannte er "Veronica". Alle Werbung, und er galt auch darin als innovativ, zielte immer auf die Hausfrau, die zum Einkaufen in den Supermarkt geht. "Veronica!" Ihre Beschwörung wurde zum Mantra des Unternehmens. Sie war auch 1974 die erste Adressatin, als Ferrero die Ostereier zur Alltagsfreude erklärte - mit dem Überraschungsei für Kinder. Die Kleinstspielzeuge, die da in einer gelben Plastikkapsel im Innern einer dünnen Schokoladenhülle versteckt waren, wurden zum Kult. Damit die Mütter und Großmütter ihre Sprösslinge und Enkel auch ganz beruhigt beschenken konnten, bewarb Ferrero das Ei als Milchprodukt mit wenig Kakao. "Ab sofort ist jeden Tag Ostern", lautete der Slogan.

Studieren mache dumm, pflegte Ferrero zu sagen

So wuchs die Gruppe zusehends zum Weltkonzern mit einem Umsatz von 8,4 Milliarden Euro. Aus fiskalischen Gründen hat die Holding ihren Sitz mittlerweile in Luxemburg. Oft gab es Gerüchte, Ferrero könnte übernommen werden oder selber Firmen hinzukaufen. Doch in Alba entwickelte man sich lieber aus eigener Kraft, auch ohne Geld von der Börse. Bis heute ist Ferrero nicht an der Börse notiert. Reich wurde die Familie trotzdem, sehr reich sogar. Für das amerikanische Wirtschaftsmagazin Forbes, das die Vermögen der Vermögenden schätzt, war Michele Ferrero Italiens reichster Bürger. Er war immer ein Arbeiter und Tüftler geblieben, selbst dann noch, als er schon Milliarden verdiente. In Pension ging er nie.

Zu Sitzungen lud er seine Manager mit Vorliebe am Sonntag nach der Messe, der er als strenggläubiger Katholik nie fernblieb, weil die Werktage ja zum Werken und nicht fürs Sitzen gedacht waren. Für seinen Betrieb wählte er mit Vorzug Leute mit nur wenigen Studienjahren aus, weil, wie er zu sagen pflegte, Studieren dumm mache. Noch so ein Bonmot, wie man es von dieser Art Padrone gewohnt ist. Auf dem Land liebten sie ihn für das Fortleben des deftig Provinziellen, immer vorgetragen im piemontesischen Dialekt, das mit ihm auch die rasende Globalisierung überlebte. Prämien zahlte er gerne persönlich aus, mit einem Griff in die Tasche.

Man verzieh dem Patriarchen sogar, dass er die letzten Jahre seines Lebens im steuerfreundlichen und mondänen Monaco verbrachte. Auch dort ließ er ein Labor einrichten, um sich nicht zu langweilen. Das operative Geschäft hatten unterdessen seine beiden Söhne übernommen. Einer von ihnen, Pietro, starb vor einigen Jahren an einem Herzinfarkt in Südafrika, auf dem Fahrrad. Der andere, der 51-jährige Giovanni Ferrero, leitet nun das ganze Unternehmen. Wie ein Patron, aber ohne die väterliche Aura des Vaters.

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