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Zum Tod von Michele Ferrero:Michele und seine "Veronica"

Seine Durchschnittskundin nannte er "Veronica". Alle Werbung, und er galt auch darin als innovativ, zielte immer auf die Hausfrau, die zum Einkaufen in den Supermarkt geht. "Veronica!" Ihre Beschwörung wurde zum Mantra des Unternehmens. Sie war auch 1974 die erste Adressatin, als Ferrero die Ostereier zur Alltagsfreude erklärte - mit dem Überraschungsei für Kinder. Die Kleinstspielzeuge, die da in einer gelben Plastikkapsel im Innern einer dünnen Schokoladenhülle versteckt waren, wurden zum Kult. Damit die Mütter und Großmütter ihre Sprösslinge und Enkel auch ganz beruhigt beschenken konnten, bewarb Ferrero das Ei als Milchprodukt mit wenig Kakao. "Ab sofort ist jeden Tag Ostern", lautete der Slogan.

Studieren mache dumm, pflegte Ferrero zu sagen

So wuchs die Gruppe zusehends zum Weltkonzern mit einem Umsatz von 8,4 Milliarden Euro. Aus fiskalischen Gründen hat die Holding ihren Sitz mittlerweile in Luxemburg. Oft gab es Gerüchte, Ferrero könnte übernommen werden oder selber Firmen hinzukaufen. Doch in Alba entwickelte man sich lieber aus eigener Kraft, auch ohne Geld von der Börse. Bis heute ist Ferrero nicht an der Börse notiert. Reich wurde die Familie trotzdem, sehr reich sogar. Für das amerikanische Wirtschaftsmagazin Forbes, das die Vermögen der Vermögenden schätzt, war Michele Ferrero Italiens reichster Bürger. Er war immer ein Arbeiter und Tüftler geblieben, selbst dann noch, als er schon Milliarden verdiente. In Pension ging er nie.

Zu Sitzungen lud er seine Manager mit Vorliebe am Sonntag nach der Messe, der er als strenggläubiger Katholik nie fernblieb, weil die Werktage ja zum Werken und nicht fürs Sitzen gedacht waren. Für seinen Betrieb wählte er mit Vorzug Leute mit nur wenigen Studienjahren aus, weil, wie er zu sagen pflegte, Studieren dumm mache. Noch so ein Bonmot, wie man es von dieser Art Padrone gewohnt ist. Auf dem Land liebten sie ihn für das Fortleben des deftig Provinziellen, immer vorgetragen im piemontesischen Dialekt, das mit ihm auch die rasende Globalisierung überlebte. Prämien zahlte er gerne persönlich aus, mit einem Griff in die Tasche.

Man verzieh dem Patriarchen sogar, dass er die letzten Jahre seines Lebens im steuerfreundlichen und mondänen Monaco verbrachte. Auch dort ließ er ein Labor einrichten, um sich nicht zu langweilen. Das operative Geschäft hatten unterdessen seine beiden Söhne übernommen. Einer von ihnen, Pietro, starb vor einigen Jahren an einem Herzinfarkt in Südafrika, auf dem Fahrrad. Der andere, der 51-jährige Giovanni Ferrero, leitet nun das ganze Unternehmen. Wie ein Patron, aber ohne die väterliche Aura des Vaters.

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