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Zukunftsthemen:Qualität gegen Schnelligkeit

Volkswagen erprobt vollautomatisches Fahren

So richtig alltagstauglich sehen die Versuchsfahrzeuge von VW für autonomes Fahren noch nicht aus.

(Foto: Christian Charisius/dpa)

Mario Trapp leitet das Fraunhofer-Institut für kognitive Systeme. Und ist optimistisch, dass Deutschland beim autonomen Fahren aufholen kann.

Das Silicon Valley entwickelt Software und baut Blech darum, die Deutschen wollen die Software ins Blech integrieren - das beschreibt verkürzt und doch mit einem Körnchen Wahrheit, wie Unternehmen mit verschiedenen Ansätzen versuchen, die Autos der Zukunft zu konzipieren. Die deutschen Hersteller, die sich als die besten der Welt sehen, sind dabei gegenüber der amerikanischen Konkurrenz, etwa Googles Waymo oder Tesla, im Hintertreffen.

Insofern ist es eine spannende und fordernde Aufgabe für einen ziemlich jungen Forscher, dabei zu helfen, den Rückstand aufzuholen. Mario Trapp, 43, leitet das neugegründete Fraunhofer Institut für kognitive Systeme (ISK) in München, das an diesem Montag offiziell seinen Betrieb aufgenommen hat. Zu den Aufgaben der Fraunhofer-Forscher wird unter anderem das autonome Fahren zählen, aber auch Themen wie Fabrikautomation und Künstliche Intelligenz. Es geht darum, eine Brücke zu bauen zwischen der Grundlagenforschung und deren Anwendung in der Praxis.

Trapp sieht die Chancen der deutschen Industrie nicht so negativ wie viele andere. "Das Ausprobieren ist jetzt vorbei", kommentiert er die Versuche von US-Unternehmen wie Waymo oder Uber mit autonomen Fahrzeugen. "Jetzt kommt der schwierige Teil. Und da, sagt er, "kommt die Qualität ins Spiel". Die letzten 20 Prozent bei einer Entwicklung verursachten 80 Prozent des Aufwandes, "in dieser Zeit könnte Deutschland wieder aufholen", glaubt Trapp. Die wichtigste Frage sei: "Wann ist ein System sicher?" Das Problem dabei ist, dass das individuelle Risiko vom Durchschnitt abweicht. Konkret: Wenn jemand von einem autonomen Fahrzeug verletzt wird, ist es ihm egal, dass diese Fahrzeuge im Durchschnitt sicherer unterwegs sind als Autos, die von Menschen gelenkt werden. Trapp: "Für Geschädigte ist es nicht leicht damit umzugehen, wenn keiner schuld ist." Also müsse letztlich die Gesellschaft die Grenze definieren.

Grenze, das bedeutet, welche Sicherheitsstufe autonome Autos erreichen müssen, damit sie akzeptiert werden. Hier gingen US-Unternehmen eher mal voraus, "die Deutschen sind etwas zurückhaltender, das ist eine unterschiedliche Philosophie". Die Amerikaner bauten ein Auto wie ein Software-Produkt, das beim Kunden weiterentwickelt werde. Ergibt sich eine Neuerung, wird einfach ein Software-Update eingespielt. In Deutschland dagegen gebe es einen gewissen Perfektionismus. Erst wenn eine bestimmte Entwicklungsstufe erreicht ist, werde das Produkt freigegeben. Wie der Wettbewerb letztlich ausgeht, wagt Trapp nicht zu prognostizieren.

Viel hängt bei autonomen Fahrzeugen davon ab, wie gut es mit künstlicher Intelligenz (KI) gelingt, dass die Autos mit ihren Kameras und Sensoren erkennen, was um sie herum passiert - und die richtigen Schlüsse daraus ziehen. Ein Mensch könne auch aus einer Reflexion im Seitenfenster Informationen gewinnen. "Das einer KI beizubringen, ist enorm schwer", sagt Trapp.

Er hält es daher für unverzichtbar, dass die KI-Forschung gestärkt wird. Das Geld dafür wird seiner Meinung nach zu stark gestreut. Um voranzukommen, müsse auch innerhalb der KI-Forschung besser koordiniert werden: "Wir müssen in der Forschungslandschaft effizienter werden." Projekte auf EU-Ebene brächten einen viel zu hohen bürokratischen Aufwand mit sich, schon beim Stellen des Antrags, aber auch danach. Dazu komme, dass die Erfolgsaussichten auf eine Förderung nicht besonders hoch seien.

20 Millionen Euro hat das IKS vom Freistaat als Anschubfinanzierung erhalten

Alleine das Massachusetts Institute of Technology (MIT) habe eine Milliarde Dollar für KI-Forschung erhalten. Und der Internet-Konzern Amazon gebe 20 Milliarden Dollar pro Jahr für Forschung und Entwicklung aus, davon entfällt ein großer Teil auf KI-Projekte. "Werden wir schneller sein als die US-Tech-Konzerne?", fragt Trapp sich daher. Diese seien vielfach führend bei intelligenter Software, während in Deutschland die Qualität im Vordergrund stehe. Noch hält er das Rennen für offen.

Trapp hat die Leitung des Instituts, das bis vor Kurzem noch als Fraunhofer Institut für Eingebettete Systeme und Kommunikationstechnik (ESK) firmierte, vor zwei Jahren kommissarisch übernommen. Seit Mai dieses Jahres ist er offiziell Chef. Das neue Fraunhofer IKS gehört zum Kompetenznetzwerk Bayern für KI und erhält vom Freistaat eine Anschubfinanzierung von 20 Millionen Euro. Trapp nennt das einen "Kickstart" und freut sich, dass Bayern "in diesem Bereich gut aufgestellt" sei. Zudem ist eine Kooperation mit der Ludwig-Maximilians-Universität und der Technischen Universität (TUM) geplant.

Mario Trapp hat in Kaiserslautern Informatik und Elektrotechnik studiert. Seine Promotion brachte ihn erstmals mit der Autobranche in Kontakt. In Kooperation mit dem Zulieferer Bosch forschte er am elektronischen Stabilitätsprogramm, kurz ESP, das heute in vielen Autos serienmäßig verbaut ist. Danach beschäftigte er sich mit der Sicherheit von Software vor allem bei kritischen Systemen. All das dann kann er bei seiner jetzigen Aufgabe gut gebrauchen.

Die nächsten Jahre wird das IKS seinen Sitz im Münchner Westen in der Nähe des Fraunhofer-Hochhauses haben. Doch ein Neubau auf dem Gelände des Campus der TUM in Garching vor den Toren der Landeshauptstadt ist bereits fest eingeplant. Der wird auch nötig sein, denn das Institut soll von jetzt etwa 60 auf rund 150 Mitarbeiter anwachsen. Finanziert wird es wie im Fraunhofer-System üblich zu je einem Drittel vom Bund, der Industrie und durch Projekte.