Wenn Michael Sen die Zukunft in deutschen Krankenhäusern beschreiben will, muss er nicht träumen. Er erzählt einfach, wie es bei Quirónsalud läuft, die spanische Klinikkette gehört zum Dax-Konzern Fresenius. Die Patienten checken schon zu Hause ein. In der Klinik müsse niemand länger als 15 Minuten warten, erzählt der Fresenius-Chef beim SZ Wirtschaftsgipfel in Berlin. Und es gebe da solche schönen Sessel wie hier auf der Bühne. Zur Anamnese komme dann niemand mit einem Klemmbrett, wie in Deutschland noch üblich, sondern mit einem iPad. Auf dem läuft die App Scribe, ein KI-basiertes Diktiergerät, es zeichnet das Gespräch zwischen Patient und Arzt auf, verschriftlicht es und fasst die Inhalte zusammen.
Die Geschichte, die Sen hier erzählt, dauert einige Minuten. Sie klingt ja auch gut. In Deutschland, wo Fresenius mit Helios die größte private Klinikkette betreibt, gehen solche Dinge jedenfalls nicht, weil die Digitalisierung des Gesundheitssystems lahme, der Datenschutz den Austausch von Daten verhindere und es eine Grenze gebe zwischen stationärer und analoger Behandlung. Wenn man in Deutschland die Klinik verlasse, bekomme man einen Arztbrief und gehe zum Hausarzt. In Spanien nehme der Patient seine Daten digital mit, erzählt Sen.
Und doch hat Deutschland, was die Pro-Kopf-Ausgaben für Gesundheit betrifft, eines der teuersten Gesundheitssysteme der Welt. „Wir werden uns auf Dauer dieses System mit dieser Ineffizienz nicht leisten können“, sagt Sen. Das hat auch demografische Gründe. Die Menschen werden älter, aber „wir haben einen Longevity-Gap, wir werden älter, aber nicht immer gesund älter“, sagt der Manager. Mit dem Alter nähmen kritische und chronische Krankheitsbilder zu.
Was Sen sagt, ist durch Daten belegt. 2021, heißt es im Länderbericht der Staatenorganisation OECD, kamen in Deutschland auf 1000 Einwohner 4,5 praktizierende Ärzte, im OECD-Schnitt waren es 3,7, und 7,8 Krankenhausbetten im Vergleich zu 4,3 im Durchschnitt. Die hohe Bettenzahl werfe Fragen hinsichtlich Effizienz und Überkapazitäten auf, heißt es in dem Bericht. Einige Risikofaktoren wie Rauchen, Übergewicht und Alkoholmissbrauch seien in Deutschland deutlich ausgeprägter als in anderen Staaten.
Seine Forderung, nicht sehr überraschend: Alles soll digitaler werden
Innerhalb der OECD liege Deutschland bei den Pro-Kopf-Ausgaben für Gesundheit auf dem dritten Platz, aber die Menschen stürben früher und seien kränker als in anderen Industrieländern, schrieben der Gesundheitswissenschaftler Hajo Zeeb von der Universität Bremen und seine Co-Autoren in einem Beitrag für das Magazin The Lancet Public Health. Das Urteil der Wissenschaftler fällt verheerend aus. Die dezentrale Verwaltungsstruktur des Landes ermögliche zwar Flexibilität, insbesondere auf kommunaler Ebene, führe jedoch zu einer Zersplitterung der Zuständigkeiten und einer geringen Koordinierung zwischen den Sektoren. Es fehle eine Strategie für das öffentliche Gesundheitswesen. Das gegenwärtige System sei primär auf Behandlung ausgerichtet und nicht auf Vorsorge. Mächtige Lobbys behinderten die Umsetzung wirksamer Maßnahmen.
Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes sind die Ausgaben für Gesundheit in Deutschland im Jahr 2023 im Vergleich zum Vorjahr um 0,1 Prozent auf 500,8 Milliarden Euro gesunken. Das waren 6013 Euro je Einwohnerin und Einwohner. Maßgeblich für den leichten Ausgabenrückgang seien die auslaufenden Corona-Maßnahmen gewesen, wodurch sich die Gesundheitsausgaben der öffentlichen Haushalte fast halbierten, erläutert die Behörde. Mehr als die Hälfte der Ausgaben entfallen auf gesetzliche Krankenkassen. Auch die veröffentlichen fast täglich Empfehlungen, wo zu sparen wäre.
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Wenn man sich das System nur aus der Perspektive der Krankenkassen anschaue, dann führe das zu einem Trugschluss, sagte Sen. Ihre Aufgabe sei es, Rechnungen entgegenzunehmen, „sie hat ja keinen aktiven Part und sieht einfach nur, dass die Rechnung immer größer wird“. Es gibt viele Vorschläge, wie es reformiert werden müsse, auch Sen hat welche. Weit oben auf der Liste der Forderungen steht bei ihm – wie bei vielen Managern – der Abbau von Bürokratie. „Wir müssen effizienter und digitaler werden“, fordert Sen.
Sen ist seit Anfang Oktober 2022 Vorstandschef von Fresenius. Er übernahm damals einen Konzern in einem desolaten Zustand. Kaum im Amt habe er, wie er selbst es formulierte, die „Reset-Taste“ gedrückt und das Programm „Future Fresenius“ gestartet. Es gliedert sich in drei Phasen: Revitalize (Wiederbelegung), Rejuvenate (Verjüngung) und Reimagine (Neudenken). Sen fackelt nicht lange, dafür ist er bekannt, das war schon in seiner Zeit bei Siemens und Eon so. Strukturen, über die bei Fresenius jahrelang diskutiert wurde, wurden aufgebrochen und vereinfacht. Die Wiederbelebung ist abgeschlossen, mittlerweile läuft die Rejuvenate-Phase, die Verjüngung. Und danach darf neu gedacht werden. Vermutlich hat Michael Sen längst im Kopf, wie er sich den Konzern vorstellt.
Sen ist zuversichtlich, dass sein Unternehmen sich mit der US-Regierung einigt
Vielleicht wäre das auch ein Rezept für Deutschland: Reset, Revitalize, Rejuvenate und Reimagine. Aber so ein Unterfangen ist in einem Unternehmen viel einfacher als in einer Gesellschaft, die auch eine Volkswirtschaft ist, aber auch viel mehr. Es geht darum, ökonomische Zwänge und ethische Ziele in Einklang zu bringen.
Fresenius betreibt nicht nur Kliniken. Das Tochterunternehmen Fresenius Kabi stellt unter anderem Generika und Biosimilars her, also Medikamente, die Originalpräparate nach Ende des Patentschutzes nachahmen, und flüssige Nahrung für Menschen, die über Sonden ernährt werden. Im Geschäftsjahr 2024 setzte der Konzern mit 176 000 Beschäftigten 21,5 Milliarden Euro um.
In der Versorgung von Patienten in den USA spiele Fresenius eine wichtige Rolle, sagt Sen: „Wir sind überlebenswichtig.“ Deshalb ist er zuversichtlich, dass Fresenius sich mit der US-Regierung einig wird und keine Zölle auf seine Produkte erhoben werden. In den USA gebe es einen „systematischen Mangel“ an bestimmten Medikamenten, etwa Schmerzmitteln. Zölle würden diesen noch verschärfen.
Größer klingen die Sorgen, die sich Sen um Europa macht und um die Abhängigkeiten von Wirkstoffen aus China. Das Ausmaß sei größer als bei Seltenen Erden. Es gebe Antibiotika, da gebe es nur noch ein Werk in der Volksrepublik. Sen fordert den Aufbau eigener Produktion in Europa. Es gibt ein paar Worte, die ziehen sich durch den ganzen SZ-Gipfel, als seien sie die Lösung für alles und in der Lage, Milliarden freizusetzen – ohne Schuldenbremsen zu lösen und Sonderschulden zu schaffen: Bürokratieabbau, Digitalisierung, KI, europäische Souveränität. Auch Sen beherrscht sie.
