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Zukunft des Essens:"Wir müssen wieder in Kreisläufen denken"

Was können wir denn mit Resten machen?

Ein Beispiel ist die hochemotionale Debatte um nachwachsende Rohstoffe: Wir können Nahrungsmittel für Energie oder Verpackungen einsetzen. Aber auch bei der Fruchtsaftgewinnung bleiben Schalen übrig. Es gibt mittlerweile Techniken, Orangen- oder Bananenreste in abbaubares Plastik zu verwandeln - statt dafür essbaren Mais zu verwenden. Und eine polnische Designerin hat eine Eier-Verpackung aus gepresstem Heu entworfen. Es gibt sogar Design-Komposter für zu Hause. Wir müssen wieder in Kreisläufen denken. Da lernen wir von der Natur: Sie produziert keinen Abfall.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung?

Der Siegeszug des Smartphones bringt auch im Essensbereich Vernetzung: Auf Foodsharing-Plattformen können Verbraucher, Händler und Produzenten überschüssige Lebensmittel umsonst anbieten und abholen. Besonders in den USA dokumentieren Esser in Echtzeit, was sie gerade in Restaurants essen. Andere können sich informieren: Wie schmeckt es dort heute, wie sieht das Essen heute aus? Will ich da jetzt hin?

Sie denken da an bestimmte Apps?

Nicht nur. Apps wie "Food Tripping" oder "Erntefrisch" zeigen einem auch in der Fremde, wo in der Nähe ein Bauernmarkt ist oder welches Gemüse regional gerade Saison hat. Es geht aber auch um vernetzte Gegenstände im Haushalt, wie intelligente Kühlschränke, die sich selbst regulieren. Die neuen Technologien ermöglichen es auch, die gesamte Geschichte eines Produktes nachvollziehbar zu machen. Es gibt schon Tools, mit denen man sehen kann, welche Temperaturschwankungen ein Produkt mitgemacht hat.

Der Kunde prüft die Kühlkette nach?

Ja, mit intelligenten Verpackungen. Kunden scannen dazu den Barcode, zum Beispiel auf Milch oder Joghurt. Es gibt auch Systeme, bei denen die Packung entsprechend die Farbe wechselt.

Wenn wir über engagierte, aufgeklärte Verbraucher sprechen, die an Nachhaltigkeit interessiert sind - denken wir da nicht nur an Milieus von der Mittelschicht aufwärts?

Die Frage ist tatsächlich: Wie elitär sind solche Trends? Klassische Foodies machen zwischen drei und fünf Prozent aus. Im Prinzip ist etwa ein Drittel der Gesellschaft sehr interessiert am Thema Essen. Wenn jemand aber nicht weiß, wie er die Miete bezahlen soll, wird er eher auf günstiges Fleisch und Industrieprodukte setzen. Das ist außerdem auch eine Frage von Bildung, da ist die Politik gefordert. Was sich ändert, ist die Definition von Luxus. Mit Stopfleber oder Kaviar kann man sich heute keinen Applaus mehr holen. Denn jeder weiß, was mit der Gans und dem Stör passiert.

Was ist heute Luxus beim Essen?

Zum Beispiel den Produzenten persönlich zu kennen, oder das Tier, das man gerade verspeist. Luxus ist, seine Wurst selber zu machen.

© SZ.de/hgn/sebi/rus

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