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Zukunft der Arbeit:Gegenentwurf zur digitalen Schauerversion

Stattdessen finden sich immer mehr Menschen in sogenannten prekären Arbeitsverhältnissen wieder: Zeitarbeiter, Leiharbeiter, Praktikanten, Wissenschaftler in Dauerbefristung, eng reglementierte Callcenter-Mitarbeiter. Die Folgen dieses Umbruchs für Millionen Menschen sind gewaltig. Sie bedeuten Ungewissheit, Unsicherheit, Unruhe, Druck. Mindestens bedeuten sie ein Auf und Ab, eine Herausforderung. Für viele ist das eine Zumutung.

Die Fragmentierung der Arbeitswelt kann Auswirkungen haben auf das Gefüge der Gesellschaft. Denn es brechen ja nicht nur durch die Automatisierung die einfachen Arbeitsplätze weg und es zementiert sich ein "Sockel" von Langzeitarbeitslosen und schwer Vermittelbaren, die Veränderungen strahlen aus bis tief in die Mittelschicht. Wenn die Angst vor dem sozialen Abstieg die Bürotürme hochklettert, dann ist die goldene Mitte bedroht, der Stabilitätsanker einer freiheitlichen Demokratie.

Maschinen kommunizieren untereinander

So geht das seit Jahren - und nun also kommt die vierte, die digitale Revolution. Man kann sie als weitere Bedrohung sehen. Aber auch als Chance, die Dinge zum Besseren zu wenden.

Der Digital-Turbo ist schon angekommen in den Fabriken, das deutsche Stichwort dafür lautet "Industrie 4.0". Der Mensch führt nicht mehr die Maschine, Maschinen kommunizieren untereinander und mit den Leitständen und den Technikern und der Buchhaltung. Man sollte das nicht beklagen, Wirtschaft ist immer Veränderung, wie das Leben. Aber die Veränderungen sind groß. Jobs verschwinden, andere entstehen, und das ist erst der Anfang.

Zukunft der Arbeit Warum ein Detroiter Fabrikarbeiter um die Welt ging
Rechercheblog
Die Recherche zu Arbeit

Warum ein Detroiter Fabrikarbeiter um die Welt ging

Respekt? Mitleid? Bewunderung? Sicher hat die Geschichte des Detroiters, der täglich 34 Kilometer zur Arbeit läuft, auch deshalb bewegt. Sie hat aber mehr mit uns zu tun - und mit dieser Recherche zu Arbeit und Ausbeutung.   Von Sabrina Ebitsch

Das nächste Thema ist ja schon zu erkennen, das "Internet der Dinge", die totale Vernetzung aller Lebensbereiche. Das Zuhause wird übers Handy von unterwegs gesteuert, die Autos fahren allein, ganze Branchen wie Reisevermittler, Fahrdienste und Handelsgeschäfte organisieren sich quasi von selbst, über ihre User und deren Daten im Netz, und es verdient derjenige, der dafür die Plattform zur Verfügung stellt. Das verändert Wertschöpfungsketten, vernichtet etablierte Geschäftsmodelle.

Und es verändert den Büroalltag. Handy, Notebook, Laptop machen es möglich, von überall zu arbeiten, was auch heißen kann: zu jeder Zeit. Arbeit ist nicht mehr raum- und zeitgebunden. Neudeutsch formuliert: Die Präsenzkultur wird zur Erlebniskultur. Wissen ist nicht mehr exklusiv. In den Unternehmen muss es um Kreativität gehen, nicht um Hierarchien.

Mitarbeiter werden selbständiger und mündiger

Das alles kann den Menschen, vor allem den nicht selbständig organisierten Arbeitnehmer, fix und fertig machen. Aber es kann auch eine Chance sein. Die Führungskultur in den Unternehmen wird sich verändern müssen. Firmen, in den der Chef von oben nach unten und am besten grummelnd und mit Gewalt führt, sind nicht innovativ, sie werden scheitern. Neue Unternehmen gründen sich, in denen neue Umgangsformen herrschen, übrigens auch neue Ausbildungsberufe Zukunft haben. Es sind immer die zwei Seiten einer Medaille: Der Wegfall der Präsenzpflicht im Büro kann die Arbeitnehmer ihres Schutzes berauben, kann sie in die totale Selbstausbeutung treiben. Es kann aber auch die Chance sein, endlich Familie und Beruf besser zu vereinbaren.

Mitarbeiter werden selbständiger, mündiger: Da lacht das Herz des Marktwirtschaftlers. Endlich wieder mehr Freiheit, mehr Flexibilität, mehr Wettbewerb. Aber wenn er, wie das in Deutschland eine gute Tradition ist, zugleich Ordnungspolitiker ist, also einen gesetzlichen Rahmen befürwortet, innerhalb dessen sich die Freiheiten entfalten können, dann ist er genau hier nun gefordert: beim Verändern des bestehenden, beim Setzen womöglich eines neuen Ordnungsrahmens.

Für diese Projekte gibt es kein richtig und falsch, gibt es keine Blaupause. Die Arbeit beginnt erst. Je eher Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft aber die Herausforderung begreifen und um die besten Lösungen ringen, desto besser wird es gelingen. Das wäre dann ein konkretes Gegenmodell zu der Schauerversion der digitalen Zukunft, wie sie Dave Eggers im "Circle" beschreibt.

Die Recherche zur Zukunft der Arbeit

"Zwischen Ausbeutung und Selbstverwirklichung: Wie arbeiten wir in Zukunft?" Diese Frage hat unsere Leser in der achten Runde unseres Projekts Die Recherche am meisten interessiert. Das folgende Dossier soll sie beantworten.

  • Stechuhr Arbeiten nach dem Lustprinzip

    Führungskraft in Teilzeit, Sparen für das Freizeit-Konto oder Rentnerin auf Abruf: Manche Firmen lassen ihre Beschäftigten arbeiten, wie sie wollen. Fünf Arbeitnehmer berichten.

  • Feelgood Arbeite und fühl' dich wohl

    Gerade jungen Menschen ist Freiheit und Spaß bei der Arbeit wichtiger als das Gehalt. Die Unternehmen reagieren - mit individueller Karriereplanung und "Feelgood-Managern".

  • Seyferth Der Arbeitsverweigerer

    "Arbeit ist scheiße": Mit diesem Slogan wollte Peter Seyferth politische Karriere machen. Heute ist er freiberuflicher Philosoph und verweigert noch immer die Arbeit. Zumindest im Kopf.

  • Zukunft der Arbeit Wie wir in Zukunft arbeiten könnten

    Schneller, flexibler, vernetzter: Die digitale Revolution wird unsere Arbeit komplett verändern. Zum Guten oder zum Schlechten? Fünf Zukunftsvisionen.

  • Geriatric nurse talking to age demented senior woman in a nursing home model released Symbolfoto pro Who cares?

    Leben bedeutet heute Berufsleben. Doch wer kümmert sich ums Baby, wer macht den Einkauf, wer schaut nach der dementen Tante, wenn alle so viel arbeiten? Der Care-Bereich blutet durch die Ökonomisierung der Gesellschaft aus.

  • Bloggerkonferenz re:publica Warum wir nie ausstempeln

    Arbeit macht Spaß - und Arbeit macht kaputt: Die heutige Berufswelt vereinnahmt den ganzen Menschen. Und wir machen das mit. Warum eigentlich?

  • Roboter "Bürojobs sind stärker als andere bedroht"

    Was passiert, wenn kluge Software und mit Sensoren ausgestattete Roboter plötzlich zur Konkurrenz für den Menschen werden? Nichts Gutes, sagt der IT-Experte Martin Ford. Ein Gespräch über eine Zukunft ohne Arbeit.

  • Sie wollen arbeiten

    Tausende Flüchtlinge kommen derzeit jede Woche nach Deutschland. Viele von ihnen sind bestens ausgebildet. Doch Deutschland nutzt diese Chance nicht. Wir stellen sechs Menschen vor, die nichts lieber tun würden, als hier zu arbeiten.

  • Callcenter Die Recherche Wir Ausgebeuteten

    Sie arbeiten bis tief in die Nacht, hangeln sich von einem befristeten Vertrag zum nächsten oder werden gekündigt, wenn sie krank sind: SZ-Leser berichten von Missständen in deutschen Callcentern, Krankenhäusern und Unternehmen.

  • Arbeitsagentur "Wir statten Arbeitgeber mit billigem Menschenmaterial aus"

    Ihm begegnen Alleinerziehende, die trotz eines Ingenieurdiploms keinen Job finden, oder Migranten, die die Verträge, die sie unterschreiben, nicht lesen können: Ein Arbeitsvermittler aus einem Berliner Jobcenter gewährt subjektive Einblicke in das System Hartz IV.