Zukunft der Arbeit Kollege KI

Neue Gleise: Auch die Deutsche Bahn zeigt auf der Cebit, wie sie virtuelle und erweiterte Realität einsetzt.

(Foto: Sven Simon/ddp)

Erkenntnisse, die sich aus Massen von Daten gewinnen lassen, werden die Welt der Arbeit verändern - die große Frage ist nur, wie.

Von Katharina Kutsche und Helmut Martin-Jung, Hannover

Arbeit ist eines der großen Themen auf der Cebit. Experten sprechen über die Zukunft der Arbeit: welche Arbeitsplätze bleiben, welche müssen sich wandeln. Und Unternehmen präsentieren Lösungen für die Arbeit der Zukunft - digital, kollaborativ, agil. Wichtige Themen, aber man solle doch auch die aktuelle Situation nicht aus dem Blick verlieren, sagt Ursula Morgenstern. "Der heutige Arbeitnehmer ist mit seinem IT-Arbeitsplatz unzufrieden - seine private Ausstattung ist meist besser als das, was er im Büro vorfindet", sagt die Deutschland-Chefin von Atos, einem großen französischen IT-Dienstleister. Unternehmen sollten, wenn sie ihre Ausstattung planten, fragen, was braucht mein Mitarbeiter - nicht: was braucht die Firma.

Schon jetzt müsse Technik in jede Ausbildung einbezogen werden, sagt Morgenstern, denn es gebe keinen Beruf mehr, der nicht mit Technik arbeite. Auch in ihrem Unternehmen, das weltweit rund 100 000 Menschen in 73 Ländern beschäftigt, seien ihr Mitarbeiter am liebsten, die sowohl wirtschaftlich, als auch technisch denken können. Deutschland habe da mit dem dualen System einen großen Vorteil. Die studierte Betriebswirtin ist erst vor vier Monaten nach Deutschland zurückgekehrt, in den vergangenen 20 Jahren arbeitete sie in London, erst für ein Start-up, dann seit 2002 für Atos. Das Technikverständnis von Engländern und Deutschen "fühlt sich unterschiedlich an", sagt Morgenstern. "Deutschland entwickelt gern hohe Qualitätslösungen mit weltweiter Geltung. Das angelsächsische Denken ist eher: Let us try it, lasst uns anfangen."

Atos, ein Unternehmen, das seinen Kunden sowohl eigenproduzierte Hardware anbietet, als auch Software-Lösungen etwa für Big Data-Analysen, arbeitet viel mit industriellen Herstellern zusammen. Deren Arbeit wandelt sich etwa, wenn technische Lösungen nicht mehr nur helfen, Probleme zu beheben, sondern diese vorzeitig zu erkennen.

Predictive Maintenance, Technik, die auf nötige Instandhaltung hinweist, ist Thema am Stand von Materna. Der IT-Dienstleister aus Dortmund präsentiert das Fallbeispiel eines Lkw, dessen Bremssystem einen möglichen Fehler meldet. Per Tablet oder Datenbrille können Mechaniker den Lkw scannen, die Software erzeugt ein Bild mithilfe von Augmented Reality, also realer Bilder, zu denen virtuell Informationen eingeblendet werden. Das so erzeugte Wartungsticket wird von einer künstlichen Intelligenz mit Herstellerinformationen versehen, Kabelbäume und andere wichtige Bauteile werden virtuell sichtbar gemacht. Am Ende bekommt der Techniker eine Checkliste für die Wartung, dazu einen Hinweis, ob benötigte Teile im Lager liegen oder nicht. Auch darauf müssen sich die Mitarbeiter einstellen und den Umgang mit der neuen Technik erlernen.

Einen völlig anderen Aspekt der modernen Arbeitswelt hat sich das Start-up Zenkit aus Karlsruhe vorgenommen. Die Gründer Martin Welter und Peter Oehler entwickelten einen Baukasten für Projektmanagement mit dem Ziel, die Arbeit der Zukunft möglichst reduziert aussehen zu lassen. Um nach dem buddhistischen Zen-Prinzip "Frieden im Business" zu ermöglichen, so Oehler. Zenkit fasst zusammen, was seine Konkurrenten Trello, Wunderlist und Mindmapping-Software nur einzeln anbieten. So können Privatmenschen eine Sommerparty planen oder Mitarbeiter ein Firmenprojekt - bei bis zu fünf Nutzern ist die Software kostenlos, ab sechs berechnen die Gründer einen Betrag. Mit dem Projektmanagement, das schnell und einfach unterschiedliche Ansichten erstellt, arbeiten bereits Nutzer im sechsstelligen Bereich. Langfristig will das Start-up in den Markt der Unternehmenssoftware einsteigen und SAP angreifen.

Auf diesem Weg ist Andrew Filev schon ein gutes Stück weiter. Auch seine Firma Wrike, vor zehn Jahren im Silicon Valley gegründet, fing mit Projektmanagement an. Mittlerweile geht es dem Unternehmen, das weltweit gut 600 Mitarbeiter hat, vor allem um Teamarbeit und darum, nachzuhalten, ob denn auch umgesetzt wird, was man geplant hat. "Die erfolgreichsten Firmen investieren viel in operationale Exzellenz", sagt er. Will heißen: Sie überprüfen sehr genau, wie es mit der Umsetzung von Projekten eigentlich aussieht.

Wer an mehreren Projekten zugleich mitarbeitet, verliert schon mal den Überblick vor lauter E-Mails und Excel-Tabellen. Diesem Problem versucht die Software von Wrike zu begegnen, indem sie den Nutzern einen Überblick verschafft und ihnen die Arbeit erspart, viele verschiedene Dokumente zu durchwühlen. So würden auch die Informationen in Unternehmen schneller fließen und die erreichen, die sie bräuchten, hofft Filev. "Kein Mitarbeiter sollte nach Informationen jagen müssen und so in seiner Arbeit behindert werden", sagt er.

Wrike setzt dazu auch künstliche Intelligenz ein, eine Technologie, die das Potenzial hat, die Arbeit künftig drastisch zu verändern. Nur in welche Richtung? Filev ist nicht allzu skeptisch: "KI wird wie jede wirtschaftliche Veränderung einen Preis haben", sagt er, "die Menschen müssen den Wechsel annehmen." Global gesehen werde die Lebensqualität steigen. Und viele Jobs würden sich noch lange nicht durch KI ersetzen lassen. "Was Maschinen nicht können, ist Empathie, Strategie und Kreativität."