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Zukunft der Arbeit:Der Büroalltag wird zur Akkordarbeit

Bürogebäude in München

Vorbei mit Kaffeepäuschen: Das Büro der Zukunft ist eines, in der Arbeit in einzelne Aufgaben zerlegt und extrem überprüfbar wird.

(Foto: imago)
  • Der Büroalltag von Millionen Menschen ist dabei, sich komplett zu verändern. Das haben Sozialwissenschaftler in einer groß angelegten Studie herausgefunden.
  • Immer mehr Unternehmen messen die Leistung ihrer Mitarbeiter und standardisieren jede Tätigkeit - der Effizenz wegen.
  • Was der Einzelne leistet, wird genau nachvollziehbar - und endet für viele Arbeitnehmer in großem Stress.

Von Alexander Hagelüken

Die Revolution kam langsam, aber gewaltig. "Es wurde irgendwie ein Dauerstress", sagt der Software-Entwickler über seine Arbeit. "Alle vier Wochen muss was gezeigt werden und man hat immer diese Deadline." Früher dagegen sei es nur einmal am Ende der Entwicklung einer Software richtig stressig geworden - "und dann war es gut".

Was der Mann und andere Beschäftigte den Forschern des Münchner ISF-Instituts erzählten, hat größere Bedeutung. Unbemerkt von der Öffentlichkeit beginnt sich der Alltag von Millionen Büromenschen in Deutschland völlig zu verändern. Effizienzkonzepte aus der Industrie krempeln die Tätigkeit der Kopfarbeiter um. Ihr Job wird schneller, messbarer - und im Zweifel anstrengender.

Arbeit wird immer häufiger zu Akkord

Die Digitalisierung revolutioniert die Bürowelt so radikal wie nur die Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Das verkünden die ISF-Sozialwissenschaftler um Andreas Boes in einer Studie, für die sie drei Jahre lang die Auto-, Maschinenbau-, Elektro- und Informationstechnikbranche untersuchten. So wie die Fabrikmaschinen für das 19. und 20. Jahrhundert entscheidend waren, werden es Daten für das 21. Und: "Ähnlich wie bei der Industrialisierung der Handarbeit im 19. Jahrhundert werden nun geistige Tätigkeiten strukturiert und die Arbeitsprozesse im Büro unabhängig vom individuellen Geschick des Einzelnen organisiert."

Unabhängig vom Einzelnen ist die freundliche Umschreibung dafür, dass der Büromensch ganz Neues erlebt. Wenn er bisher morgens in die Firma kam, bestimmte er oft selbst, wie er seine Tätigkeit erledigte. Für einen Austausch mit Kollegen war ebenso Zeit wie für Beschleunigung oder Verringerung des Tempos oder Gedanken über Innovationen. Nun wird die Arbeit immer häufiger zum Akkord wie in der Fabrik - bei dem das Tempo vorgegeben (und womöglich einfach erhöht) wird, die Leistung messbar ist und der Büromensch kaum Einfluss hat. "Der Trend birgt die Gefahr digitaler Fließbänder", erkennt Forscher Tobias Kämpf.

Was der Einzelne macht, ist genau nachvollziehbar

Was geschieht gerade? Vorreiter sind Softwarefirmen, die Produkte früher in langjährigen Laufzeiten entwickelten. Inzwischen zerlegen sie das in einzelne Teile von zwei bis vier Wochen. So entsteht der Dauerstress, von dem der Entwickler spricht, der alle paar Wochen eine Deadline schaffen muss. Gleichzeitig wird der Stand der Arbeit durch digitale Technologie jeden Tag offengelegt - was der Einzelne macht, ist genau feststellbar.

Diese Transparenz zerstört den Schleier, hinter dem Experten bisher werkelten, und ermöglicht scharfe Leistungsvorgaben. Die Taktung der Arbeit verhindert jeden persönlichen Rhythmus. "Unsere Untersuchungen veranschaulichen eindringlich, dass mit dem neuen Entwicklungsmodell in der Softwarebranche die Belastungen für die Beschäftigten erheblich gestiegen sind", heißt es in der Studie im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung. "Wir haben es mit einem industrialisierten Modell zu tun, das sich bei Software flächendeckend durchsetzt und zunehmend in den Forschungs- und Entwicklungsabteilungen klassischer Industriefirmen zum Einsatz kommt" - im Auto- und Maschinenbau. So ließen sich "selbst große Abteilungen mit mehreren Tausend Entwicklern synchronisiert in einem einheitlichen Takt schwingen".

Entscheidungsmacht als gefährliches Lockmittel

Das Komplexe an der digitalen Ära ist, dass die Sache für den Beschäftigten nicht zwangsläufig negativ ausgehen muss. Es kommen zwei Trends zusammen: Die Übertragung schlanker Produktion aus den Fabriken auf die Büros, wobei jeder Schritt ständig hinterfragt und optimiert wird. Und das Konzept der Agilität: Schneller, innovativer und immer auf sich rasch wandelnde Weltmärkte reaktionsbereit zu sein.

Dabei spielt der Einsatz von Teams eine große Rolle. Und wenn diese Teams anders als bei klassischen Firmenhierarchien selbst viel bestimmen können, profitieren Mitarbeiter, analysiert Forscher Kämpf: "Bekommen sie mehr Entscheidungsmacht, macht ihnen die Arbeit mehr Spaß und sie werden innovativer." Das macht sich auch für Firmen bezahlt: "Wenn sie agiler werden, werden sie schneller, die Produkte haben mehr Qualität und weniger Fehler." Allerdings sieht Kämpf, dass Firmen sich eher die Rosinen herauspicken. "Die Firmen nehmen gerne mehr Taktung und Transparenz. Sie zögern, den Teams mehr Entscheidungsmacht über ihre Arbeitslast zu geben." Wenn aber Mitarbeiter die Arbeitslast nicht mitbestimmen, verheißt die neue Bürowelt Negatives: Dauerstress und permanenten Zeitdruck mangels Ruhepausen.

Fließbandarbeit im Büro

Was sich da abzeichnet, lässt sich bereits besichtigen: Bei mittel und gering qualifizierten Jobs in der klassischen Verwaltung, in den Personal-, Finanz- und IT-Abteilungen und im Vertrieb. Hier wird alles standardisiert, beobachten die Forscher. Von mehr Entscheidungsmacht keine Spur. Wenn Beschäftigte ihren Arbeitsplan offenlegen, den Zeitaufwand schätzen und ihren Fortschritt anhand von Kennzahlen abbilden, erleben sie das oft negativ: "Man fällt automatisch am nächsten Tag in so eine Rechtfertigungshaltung, warum man's nicht geschafft hat", sagt einer.

Noch strikter wird es, wenn Tätigkeiten nach dem Vorbild der Fabriken in Einzelteile zerlegt, normiert und Leistung genau gemessen wird: Fließbandarbeit im Büro. Arbeitsinhalte wie eine Bestellung oder Reiseabrechnung werden digitalisiert, der Einzelne durch Ticket-Systeme kontinuierlich mit Aufträgen versorgt. Die Leistungsmessung reicht von der Aufzeichnung der Bewegungen der PC-Maus in Callcentern oder der Bearbeitungszeiten von Tickets im IT-Support bis zur Überprüfung der Herzfrequenz des Mitarbeiters. Die Standardisierung kostet Jobs: "In einem unserer Fallunternehmen wurde die Verschwendung in der Verwaltung auf 30 Prozent beziffert und dies zum Anlass für umfangreiche Rationalisierungen genommen", heißt es in der Studie. Servicecenter würden im internen Sprachgebrauch als Fabriken bezeichnet und oft in Niedriglohnländer verlagert.

Wird der Alltag von Millionen Büromenschen wirklich Fließbandstress? Diese Entwicklung sei ein Auftrag an die Politik, finden die Forscher: "Gebraucht wird eine gesellschaftliche Leitorientierung, die die Menschen und ihre Rolle in der digitalen Transformation zentral stellt."

© SZ vom 16.12.2016/vit
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