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Zufriedenheit durch Konsumgüter:Drohender Verlust von Mitgefühl und Vertrauen

Wir müssen uns fragen, welche Bereiche unseres Lebens durch Marktkräfte bestimmt werden und ob dies immer sinnvoll ist. Wenn wir im Glauben an den Homo oeconomicus immer mehr Entscheidungen durch Marktprozesse steuern lassen, könnten wir andere Motivationen wie Verantwortungsbewusstsein, Mitgefühl und Vertrauen verdrängen, die uns womöglich mehr Lebenserfüllung bringen könnten.

Wir können dann Antworten auf ganz praktische Fragen gewinnen: Ist es sinnvoll, Kinder für gute Schulnoten mit Geld zu belohnen? Ist es für Länder zielführend, Einwanderungsrechte zu verkaufen? Sollten wir militärische Aufgaben von privaten Firmen erledigen lassen?

Mit der Neurowissenschaftlerin und Psychologin Tania Singer habe ich begonnen, das neue Feld "Caring Economics" zu entwickeln und zu erforschen, wie ökonomische Ansätze zu ergänzen wären. Wir unterscheiden dabei zwischen positionsgetriebenen Bestrebungen, mit denen wir uns selbst besser stellen, aber auf Kosten einer Schlechterstellung anderer. Damit stellt die Gesellschaft sich insgesamt nicht besser.

Auf der anderen Seite gibt es nicht-positionsgetriebene Bestrebungen, in denen wir uns selbst besser stellen, andere aber auch. In der Summe entsteht also ein positives Ergebnis. Auch hier gibt es praktische Implikationen: Gelingt es uns, neben wettbewerblichen auch kooperative Ansätze zu etablieren, werden wir neue Lösungsansätze für Verhandlungen über globale Probleme wie Klimawandel oder Finanzkrisen finden können, die kein Land für sich alleine lösen kann.

Ergänzende Konzepte sind erforderlich

Wir stehen noch am Anfang, aber das Ziel ist klar: Mit dem Leitbild des Homo oeconomicus alleine werden wir als Ökonomen nicht Wege zu nachhaltigem Wohlergehen aufzeigen können. Wir brauchen ergänzende Konzepte, die andere im Menschen verankerte Triebkräfte wie soziale Einbindung, Vertrauen und Mitgefühl nutzen. Dazu werden wir gemeinsam mit anderen Disziplinen forschen müssen, die sich mit den Grundlagen menschlichen Verhaltens befassen.

Auch hier sprechen wir nicht von rein theoretischen Überlegungen, sondern von Fragen, die sich in Politik übersetzen lassen. Das Kanzleramt richtet gerade eine Projektgruppe ein, die verhaltensökonomische Erkenntnisse für politische Entscheidungen nutzbar machen soll. Ähnliche Teams gibt es in den USA und Großbritannien. Das zeigt: Wenn wir Ökonomen offen sind für neue Ansätze und interdisziplinär forschen, werden wir unseren gewaltigen Einfluss auf die Politik und Gesellschaft besser rechtfertigen können und zeigen, dass wir alles andere als überflüssig sind.