bedeckt München 20°

Zoff bei Aldi:In Familienunternehmen prallen Welten aufeinander

Aldi Nord

Aldi-Nord ist nur ein Beispiel: Streit gibt es in vielen Familienunternehmen.

(Foto: dpa)
  • Der Großteil der deutschen Unternehmen ist in der Hand von Familien. Streit ist oft vorprogrammiert.
  • Doch es gibt auch viele positive Beispiele. Die Frage ist nur: Gibt es ein Rezept für ein friedliches Miteinander in den Familienunternehmen?

Von Elisabeth Dostert

Familien, die große Unternehmen besitzen, funktionieren nicht besser, aber auch nicht schlechter als andere Familien. Sie erleben die gleichen Dramen wie andere auch; sie lieben und sie hassen sich, es geht um Vertrauen und Zwietracht, um Macht und Zuneigung, es gibt Choleriker, Despoten, Zweifler und Heitere. Nur eines unterscheidet sie, wenn sie untereinander streiten, von Durchschnittsfamilien: Es geht in ihrem Fall auch meist um sehr viel Geld; ein Streit gefährdet sehr oft auch die Firma selbst und Hunderte, wenn nicht sogar Tausende Arbeitsplätze. Aber dafür, dass es um mehr geht als die Familie, scheinen sie im Streit oft blind zu sein.

Wenn sich Deutschlands größter Fleischfabrikant Clemens Tönnies aus Rheda-Wiedenbrück, zugleich Aufsichtsratspräsident bei Schalke 04, und sein Neffe Robert wieder mal im Gericht begegnen, können sie ihren Zorn kaum verbergen: Die Stimmen werden laut, die Köpfe rot. Erst jetzt, nach einem monatelangen und sehr öffentlich ausgetragenen Streit, versuchen die Kontrahenten in einer Mediation ihren Konflikt beizulegen. Der Richter hatte sie mehrmals dazu aufgefordert.

Familienunternehmen stellen 90 Prozent der Firmen im Land

In Familienunternehmen prallen oft Welten aufeinander. Sie sind ein System voller Paradoxe. Im Unternehmen geht es um die Sache, um Produkte und Dienstleistungen, um Effizienz. Familien sind das Gegenteil. Sie werden im Idealfall nicht wegen nüchtern kalkulierter Vorteile gegründet, hier geht es vor allem um Gefühle, um Emotionen. Gefühle aber können leicht - ob absichtlich oder unabsichtlich - verletzt werden, und dann wird es meist schwierig. Familie und Firma in Einklang zu bringen, ist eine Kunst.

Firmen in Familienbesitz sind aber zugleich ein wichtiger Teil der deutschen Wirtschaft. Sie stellen mehr als 90 Prozent der gut drei Millionen Unternehmen des Landes. Für die Firmen ist die größte Gefahr die Familie. Emotional und ökonomisch steht viel auf dem Spiel.

Streit behinderte auch den Oetker-Konzern, der sich in der Werbung gern als Lieferant der heilen Familie geriert - Pudding, Pizza, Bionade. Im echten Leben waren die acht Kinder aus den drei Ehen von Rudolf-August Oetker in zwei Lager gespalten. Für den auf Familienunternehmen spezialisierten Berater Peter May ist der Fall Oetker "ein typisches Beispiel für Geschwistergesellschaften. Sie bergen das höchste Streitpotenzial." Gibt es Nachkommen aus mehreren Ehen, seien die Konflikte oft größer. "Die Kinder aus früheren Ehen sehen in der Neuen die Frau, wegen der ihre Mutter verstoßen wurde", sagt May. Für den Clan aus Bielefeld steht die nächste Prüfung schon an. Im Januar ist Konzernchef Richard Oetker 65 geworden; bis Jahresende muss über die Nachfolge entschieden werden. Es gibt mehrere Anwärter.

Manchmal hilft nur die Trennung. So machten es 1999 die Brüder Bahlsen. Der ältere, Lorenz, nahm die salzige Hälfte - Salzstangen, Chips und Erdnusslocken, der jüngere, Michael, die süße Hälfte.

Braucht es einen Governance Kodex für Familienunternehmen?

Es gibt viele Beispiele für gut funktionierende Systeme. In der Geschäftsführung des Werkzeugmaschinen-Herstellers Trumpf sitzen gleich drei aus der Familie: Nicola Leibinger-Kammüller ist die Chefin - ihr Vater Berthold Leibinger hat das so gewollt. Ihr Mann Mathias und ihr Bruder Peter sind Mitglieder der Geschäftsführung. Alles friedlich. Es gibt einen Familienrat und Familientage. Schon als Kind habe ihr Vater sie und ihre Geschwister mit in die Firma genommen, erzählt Leibinger-Kammüller gern.

Geradezu aufdringlich harmonisch wirken die Auftritte der Familie Harting, wie neulich auf der Hannover-Messe, als US-Präsident Barack Obama mit der Familie ins Plaudern kam: der Senior Dietmar, seine Frau Margrit, die Kinder Philip und Maresa, alle gemeinsam so fröhlich, als befänden sie sich auf einem Ausflug. Das heißt nicht, dass nicht auch in solchen Familien über Themen gestritten wird. "Keinen Streit auslassen", lautet einer der Regeln von Margrit Harting, Generalbevollmächtigte und Gesellschafterin, wie die anderen drei auch. Probleme werden ausgesprochen: "Wir sind vier westfälische Dickschädel, wir streiten manchmal heftig. Aber wir beleidigen uns nicht." Die Hartings scheinen zu wissen, wie man ordentlich streitet.

Schon 2004 hat eine Kommission unter Vorsitz von Peter May zum ersten Mal einen Governance Kodex für Familienunternehmen formuliert. Es ist eine Anleitung zum friedlichen Miteinander. Die richtige Verfassung muss jede Familie für sich selbst finden.

© SZ vom 03.06.2016/jps

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite