Zinsentscheidung der FedGeldpolitik im Blindflug

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Fed-Chef Bernanke wird aller Voraussicht nach die Leitzinsen auf ein Niveau senken, das sie wirkungslos macht. Damit verhält er sich wie ein Pilot, der sein bestes Bordinstrument abschaltet.

Helga Einecke

Ab sofort manövriert die größte Zentralbank der Welt auf Sicht und per Hand, zu allem Überfluss im dicksten konjunkturellen Nebel. Kann das funktionieren? Ist dieser amerikanische Blindflug nicht äußerst riskant? Richtet Bernanke womöglich mehr Schaden an als sein Vorgänger Alan Greenspan, der mit zu niedrigen Zinsen den Grundstein für die ungezügelte Kreditvergabe legte und die Streuung der von den USA ausgehenden Risiken in alle Welt proklamierte?

Broker an der New York Stock Exchange: Wohin marschieren die Börsen?
Broker an der New York Stock Exchange: Wohin marschieren die Börsen? Foto: AP

Tatsächlich macht auch ein Bernanke Fehler. Die Pleite der US-Bank Lehman war so ein Missgriff, dessen Auswirkungen in der Finanzwelt wie eine Zeitenwende zum Schlechteren beurteilt werden. Die künftige Geldpolitik der Amerikaner nennt sich "quantitative Lockerung". Dann könnte die Notenbank Anleihen oder Aktien kaufen und damit die Geldmenge aufblähen, falls der Leitzins als Mittel der Geldpolitik versagt.

In der Praxis erwirbt die Zentralbank in erheblichem Umfang Anleihen am freien Markt. Sie kann dadurch die gesamte Nachfrage steuern und die Rendite der Papiere beeinflussen. Die Fed hat dies bereits in geringerem Umfang getan, indem sie im Markt für Hypothekenanleihen mitmischte, also dem angeschlagenen Geschäft mit Immobilienkrediten. Beim Kauf gibt die Notenbank für diese Papiere Dollars her, überschwemmt die Märkte also mit Geld. Dieses Geld muss sie aber eines Tages wieder einsammeln, vermutlich mit Hilfe steigender Leitzinsen. Denn die Geldflut trägt den Keim der Inflation in sich. Außerdem muss eine Notenbank die erworbenen Anleihen dauerhaft in ihre Bilanz nehmen - und abschreiben, falls sich ihre Qualität verschlechtert.

Wenigstens kann sich Bernanke auf eine Testfahrt in einem anderen Teil der Welt berufen. Die Japaner haben in den 90er Jahren eine Dekade mit faulen Krediten, überschuldeten Banken und Leitzinsen auf den Null-Punkt erlebt und damals mit der "quantitativen Lockerung" experimentiert. Erfolge stellten sich in Fernost nur mühsam ein, die Finanzkraft Japans gilt seither als labil.

Die Europäer verfolgen die Vorgehensweise der Japaner und Amerikaner mit Skepsis. Sie meinen, sich das leisten zu können, weil ihre Leitzinsen noch bei 2,5 Prozent liegen. Aber die Europäer sind nicht nur Zuschauer. Bisher konnten sie sich nicht von Vorgaben der amerikanischen Geldpolitik abkoppeln. Alternativen zum Leitzins müssen auch deshalb auf den Tisch, weil die Banken als Mittler zwischen Notenbanken und Wirtschaft nicht mehr taugen, sondern streiken, die traditionelle Zinspolitik also nicht mehr funktioniert. Von der Quantität des Geldes verstehen die Euro-Politiker jedoch etwas. Sie haben die Geldmenge beobachtet und gedeutet, aber nicht gesteuert.

Notenbanken versorgen Firmen und private Haushalte mit Geld, das investiert, konsumiert und gespart wird und so die Wirtschaft in Schwung hält. An Geld mangelt es weltweit nicht, auch weil Notenbanken zu großzügig damit umgingen. Sie sind deshalb gefordert, kurzfristig die Banken zu stützen, wenn nötig mit noch mehr Geld, aber langfristig die gefährliche Geldschwemme auszutrocknen. Alleine wird das den Notenbanken nicht gelingen, sie brauchen die Unterstützung der Politik, müssen an Barrieren für Bankgeschäfte mitarbeiten.

In der Vergangenheit spürten die Bürger die Segnungen der Geldpolitik beim Einkauf und beim Sparen. Das Leben wurde nur ganz langsam teurer. Die Vorsorge für das Alter lohnte, weil das Ersparte nur in geringem Umfang an Wert verlor. In der Krise aber mussten Anleger um ihre Geldanlagen fürchten. Sie erlebten ein Wechselbad von extrem hohen und niedrigen Energiepreisen. Die Notenbanken konnten diese Entwicklungen nicht verhindern und stießen an die Grenzen ihrer Möglichkeiten. Bernanke will diese Grenzen überwinden.

© SZ vom 17.12.2008/mel - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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