Zinsen Sonate aus Zwischentönen

Die EZB bereitet das Ende der ultralockeren Geldpolitik vor. In den Äußerungen von Zentralbankern hat jedes Wort Gewicht.

Von Jan Willmroth, Frankfurt

Vor der globalen Finanzkrise im Jahr 2007, als Zentralbankpolitik noch etwas für Feinschmecker war, kamen die Währungshüter an der Spitze der US-Notenbank Fed noch mit einem überschaubaren Vokabular aus. Das Fed-Komitee, das die Höhe der Zinsen festlegt, brauchte im Schnitt 214 Wörter, um ihre Politik zu erklären. Die gleichen Erklärungen kommen in diesem Jahr auf durchschnittlich 892 Wörter. Das zeigt, wie komplex die Welt der Zentralbanken geworden ist, wie viel es zu erläutern gibt - und wie die Notenbanker ihre Botschaften in einem Nebel aus Worten verstecken.

Wenn Präsident Mario Draghi an diesem Donnerstag nach der Sitzung des Rats der Europäischen Zentralbank vorstellt, was die 25 Mitglieder beschlossen haben, wird auch er konkrete Botschaften vermeiden. Er wird größtenteils das Gleiche erzählen wie nach den vergangenen Sitzungen, seine Erklärung wird sich nur in kleinen Nuancen unterscheiden. Aber in diesen Zeiten, in denen die Akteure an den Finanzmärkten mehr denn je den Notenbankern an den Lippen hängen, in denen jeder kleine Fehler ein Beben an den Märkten auslösen kann, kommt es auf diese Nuancen an. "Die EZB will auf keinen Fall überraschen", sagt Ulrike Kastens, Volkswirtin der Privatbank Sal. Oppenheim, "weil jede Überraschung zu Verwerfungen führt."

"Es geht um kleine Puzzlesteine, die darauf hindeuten, dass der Ausstieg bevorsteht."

Draghi und seine Kollegen im EZB-Spitzengremium versuchen deshalb möglichst behutsam, den Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik vorzubereiten. Beobachter erwarten von der EZB keine großen Veränderungen, zumindest noch nicht. Die Zinsen bleiben bei null, der Einlagenzins für Zentralbankguthaben bleibt negativ bei minus 0,4 Prozent. Die Notenbank wird bis Ende des Jahres weiter Anleihen im Wert von 60 Milliarden Euro im Monat kaufen. Ein wichtiger Satz aber dürfte diesmal anders fallen: Draghi wird möglicherweise nicht mehr sagen, dass die Notenbank ihr Anleihe-Kaufprogramm jederzeit in Umfang und Dauer ausweiten kann. "Es geht um solche kleinen Puzzlesteine, die darauf hindeuten, dass der Ausstieg bevorsteht", sagt Kastens.

Bloß kein falsches Wort: Am Donnerstag wird sich EZB-Chef Draghi vermutlich behutsam äußern.

(Foto: Michael Probst/AP)

Jeder Puzzlestein führt dazu, dass Anleihen neu bewertet werden und sich Währungskurse deutlich verschieben. Wie nervös die Marktteilnehmer derzeit sind, ließ sich vor wenigen Wochen studieren, als Draghi auf der Notenbank-Konferenz im portugiesischen Sintra über die Konjunkturentwicklung der Euro-Zone sprach. "Alle Zeichen deuten nun auf eine Festigung und Verbreiterung der Erholung in der Euro-Zone hin", hatte er lediglich gesagt, und die niedrige Inflationsrate sehe er vor allem von temporären Faktoren beeinflusst.

Solche Worte sind selbstverständlich, aber aus Draghis Mund bewegen sie Billionen. Binnen weniger Tage war die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen von 0,25 auf 0,6 Prozent gestiegen. Die deutschen Staatspapiere gelten als wegweisend für die Zinsen am Kapitalmarkt im Euro-Raum. Die Renditen anderer Euro-Staatsanleihen stiegen nach Draghis Äußerungen ebenfalls, der Euro stieg auf mehr als 1,15 Dollar, ein 14-Monats-Hoch. "Der Markt wird mit Argusaugen die nächsten Schritte beobachten", sagt Franck Dixmier, globaler Anleihenchef von Allianz Global Investors. Sollte die Marktreaktion am Donnerstag sehr volatil ausfallen, dürfte die EZB zurückhaltender agieren.

SZ-Grafik; Quelle: Bloomberg

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Im ersten Halbjahr sind die Probleme, mit denen die EZB in den vergangenen Jahren ihre Geldspritzen begründet hat, teilweise verschwunden. Einerseits wächst die Wirtschaft wieder, auch in den Krisenstaaten, die Zentralbank hat ihre Wachstumsprognosen angehoben. Die Beschäftigung entwickelt sich erfreulich. Andererseits bleibt die Inflation wohl noch länger weit von der EZB-Zielmarke von knapp unter zwei Prozent entfernt. Vor allem die Lohnentwicklung hat die Notenbank derzeit im Blick - ziehen die Löhne an, steigt auch die Inflation schneller. Frühestens im September, erwarten Beobachter, wird Draghi konkret über den Ausstieg aus den Anleihekäufen sprechen.

Im August wird er in Jackson Hole zu Gast sein, auf der weltweit größten Notenbankkonferenz. Dort trifft er auf seine US-Kollegen um Fed-Chefin Janet Yellen, die ihm in den vergangenen Jahren jede Menge Anschauungsmaterial für den eigenen Ausstieg geboten haben. "Für die EZB ist die Fed ein positives Beispiel", sagt Sal-Oppenheim-Ökonomin Kastens, "dass der Ausstieg gelingen kann." Die Fed hat ihr Anleihe-Kaufprogramm schon beendet und erhöhte zuletzt Mitte Juni die Leitzinsen. In diesem Jahr könnten weitere Zinsschritte folgen. Im Windschatten der Fed haben die wichtigsten Notenbanken zuletzt ihre Geldpolitik gestrafft oder sich darauf vorbereitet, die Nullzins-Ära zu gegebener Zeit zu beenden. So wird es weitergehen: Die Fed schreitet voran, die anderen folgen - allerdings nur, wenn die Weltkonjunktur so robust bleibt.