Zerschlagung von Air Berlin "Air Berlin als Ganzes hatte keine Zukunft"

Lucas Flöther: Der Sachwalter der Air-Berlin-Gläubiger ist Sprecher des Gravenbrucher Kreises, einer Vereinigung führender Insolvenzverwalter.

(Foto: Paul Zinken/dpa)

Nach der Pleite der Fluggesellschaft machen Verschwörungstheorien die Runde. Die beiden Chef-Abwickler erklären, warum viele Mitarbeiter in Not sind - und warum Lufthansa seinen Marktanteil vergrößern darf.

Von Michael Kläsgen und Stephan Radomsky

Der Zorn der einst 8000 Mitarbeiter von Air Berlin ist in den vergangenen Tagen immer lauter geworden: Die insolvente Firma sei über Nacht und ohne Not zerschlagen worden, jetzt wolle die neue Führung unter Sachwalter Lucas Flöther und dem Generalbevollmächtigten Frank Kebekus sie in schlechter bezahlte Jobs bei den Aufkäufern pressen. Die beiden Insolvenzspezialisten weisen die Vorwürfe zurück. Die Kosten bei Air Berlin seien schlicht zu hoch gewesen und die Schuldenlast untragbar. Flöther und Kebekus sagen, sie versuchten, so viel wie möglich vom Konzern zu erhalten. Dass viele Mitarbeiter kein Arbeitslosengeld bekämen, liege auch an einigen Arbeitnehmervertretern.

SZ: Nach fast 40 Jahren gibt es Air Berlin nicht mehr. Warum war das Unternehmen nicht als Ganzes zu retten?

Frank Kebekus: Seit dem Börsengang 2006 hatte Air Berlin nur ein einziges Mal ein halbwegs ausgeglichenes Ergebnis. Ansonsten waren die Zahlen immer tiefrot. Es ging deshalb seit meinem Start am 12. August, drei Tage vor dem Insolvenzantrag, nicht um Kleinigkeiten. Air Berlin hatte ein massives Kostenproblem.

Warum?

Kebekus: Dafür gibt es eine Vielzahl von Gründen. Rückblickend waren sicher auch die Leasing-Gebühren für die Flugzeuge und Teile der Löhne nicht konkurrenzfähig. Das lässt sich dann auf der Einnahmenseite auch nicht mehr ausgleichen, selbst wenn die Umsätze stimmen. Es ging für mich deshalb anfangs vor allem darum, mit der Bundesregierung den Überbrückungskredit über 150 Millionen Euro zu verhandeln.

Die Zerschlagung von Air Berlin war also von Anfang an unausweichlich?

Lucas Flöther: Das lässt sich so sagen. Wir haben schnell festgestellt, dass sich das Unternehmen insgesamt nicht erhalten ließ. Air Berlin als Ganzes hatte keine Zukunft: Die Schulden wären nicht zu stemmen gewesen und Dritte hätten uns das nötige Geld auch nicht zur Verfügung gestellt. Deshalb war der Verkauf die einzige Möglichkeit, zumindest einige Töchter und Teile von Air Berlin zu erhalten.

Für die meisten Mitarbeiter heißt das, dass sie ihre Jobs verlieren. Trotzdem sind viele vorerst nur "widerruflich freigestellt" - und hängen deshalb in der Luft. Wieso wurde dieses Vorgehen gewählt?

Kebekus: Um die Mitarbeiter zu kündigen oder unwiderruflich freizustellen, müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein: Es müssen zum Beispiel ein Interessenausgleich und ein Sozialplan mit den Arbeitnehmervertretern ausgehandelt sein. Die aber gibt es noch nicht - vor allem, weil sich Teile der Arbeitnehmervertretungen den Gesprächen verweigert haben.

Air-Berlin-Pilotin Julia Peukert wurde mit einer emotionalen Abschiedsrede im Netz bekannt. Nun wird die insolvente Airline zerschlagen.

(Foto: Gregor Fischer/dpa)

Deshalb zahlen jetzt viele Arbeitsagenturen den Air-Berlinern kein Arbeitslosengeld. Haben Sie das erwartet?

Kebekus: Uns war klar, dass viele Arbeitsagenturen mit einer widerruflichen Freistellung kein Arbeitslosengeld gewähren würden. Und das haben wir den Betriebsräten auch seit Wochen so gesagt. Aber gerade die Vertreter des Kabinenpersonals wollten uns lieber per einstweiliger Verfügung dazu zwingen, weiterzufliegen, was ja bekanntlich gescheitert ist.

Hat sich das inzwischen geändert?

Kebekus: Es gibt Gespräche, derzeit auch mit den Flugbegleitern. Wir hoffen da jetzt auf Einsicht, damit wir arbeitsrechtlich ordentliche Voraussetzungen für die nötigen Schritte schaffen können.

Also Kündigungen?

Kebekus: Das wird sich vermutlich nicht vermeiden lassen.

Bis es so weit ist, haben die freigestellten Mitarbeiter Anspruch auf ihre Gehälter. Die aber sind Teil der Insolvenzmasse. Können Sie, Herr Flöther, schon absehen, ob das Geld je ausbezahlt wird?

Flöther: Diese Lohnforderungen sind der Hauptgrund dafür, dass ich sofort nach Eröffnung des Insolvenzverfahrens die sogenannte drohende Masseunzulänglichkeit beim Insolvenzgericht angezeigt habe. Das heißt, dass die Erlöse aus dem Verkauf der Teile von Air Berlin wahrscheinlich nicht reichen werden, diese Löhne zu bezahlen. Das ist bisher eine Vorsichtsmaßnahme. Ob wir die Ansprüche am Ende des Verfahrens ganz oder teilweise bedienen können, lässt sich noch nicht sicher sagen. Aber klar ist, dass wir es den Mitarbeitern nicht garantieren können.

Wann werden Sie das wissen?

Flöther: Es wird Jahre dauern, bis das Verfahren abgeschlossen ist. Erst muss das Geld aus den Verkäufen bei uns ankommen. Außerdem müssen wir weitere Ansprüche wohl erst vor Gericht durchsetzen.

Derzeit sollen sich mehr als 2000 Noch-Mitarbeiter von Air Berlin bei Lufthansa und Easyjet auf neue Stellen bewerben. Arbeitsrechtler sehen darin das Risiko, dass damit ein Betriebsübergang umgangen wird. Teilen Sie diese Befürchtung?

Kebekus: Hier muss man unterscheiden. Die Air-Berlin-Töchter Niki und LGW gehen mit allen Mitarbeitern zu den bisherigen Konditionen an die Lufthansa über. Bei den übrigen Verkäufen handelt es sich nur um Flugzeuge und Routen. Deshalb liegt hier kein Betriebsübergang der Mitarbeiter vor. Trotzdem gehe ich fest davon aus, dass sich die Arbeitsgerichte mit diesem Thema befassen werden.