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Zeitarbeit - Lohndumping - Burn-out:"Es werden zehn Tage bezahlt, auch wenn wir 15 drehen"

Werner Beckmann, 64 Jahre

  • Arbeitet als: Kameramann, Produzent, Dozent
  • Verdient: bis zu 300 Euro an einem Zehn-Stunden-Tag
  • Ärgert sich über: gestiegene Erwartungen und Selbstausbeutung

Kameraleute sind heute zuständig für alles - sie machen alleine, was früher drei Leute gemacht haben. Wir drehen ohne Tonmeister und Assistenz und müssen trotzdem Top-Qualität abliefern, weil es an Geld fehlt. Oder es macht eben der Praktikant die Kamera und die Qualität ist egal. Aber mir ist es nicht egal, es ist mein Anspruch, gute Qualität abzuliefern - das führt oft zu Selbstausbeutung. Ich höre nicht einfach auf und lasse es gut sein, sondern mache weiter, auch wenn die Stunden vom Honorar längst nicht mehr abgedeckt sind.

Ich verdiene etwa 200 Euro pro Tag als Dozent und 300 Euro als Kameramann - teils auch weniger, wenn das verlangt wird. Letztlich geht es immer darum, günstiger zu sein als die Konkurrenz. Üblich ist bei uns ein Zehn-Stunden-Tag, meist ohne Mittagspause, Zeit ist schließlich Geld. Wenn ich ohne Assistent arbeite, bedeutet das: zehn Stunden oder mehr fahren, Ausrüstung schleppen, aufbauen, Ton und Licht im Auge haben, drehen, schnell reagieren, kreativ sein, Vorschläge machen - und natürlich hochmotiviert sein, immer.

Damit bin ich deutlich billiger als ein Handwerker. Und wenn für einen Dokumentarfilm zehn Tage kalkuliert sind, werden zehn Tage bezahlt, auch wenn wir letztlich 15 Tage drehen, weil wir ja einen tollen Film abliefern wollen. Hinzu kommt, dass ich unentgeltlich kreuz und quer durch die Gegend fahre und von meinem Honorar auch die teure Ausrüstung finanziere.

Kameramann ist ein toller Job, aber das große Geld fließt nicht. Im Laufe meines Berufslebens ist es auch immer schwieriger geworden, weil Filmen alltäglicher geworden ist. Der Wert des bewegten Bildes hat abgenommen - mit dem Smartphone meint heute jeder, einen Film machen zu können. Jetzt, mit 64, reicht es mir so langsam. Ich schaffe die Schlepperei höchstens noch ein paar Jahre, dann will ich Drehbücher schreiben. Von meinen 500 Euro Rente könnte ich kaum leben.