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Zeitarbeit - Lohndumping - Burn-out:"Für Menschen wie mich ist dann Endstation"

Marco Schmeller, 34 Jahre

  • Arbeitet als: Wissenschaftlicher Mitarbeiter an einem Forschungsinstitut
  • Verdient: 3600 Euro für 39 Stunden (offiziell)
  • Ärgert sich über: befristete Verträge, Perspektivlosigkeit

Das Geld, von dem ich im Moment bezahlt werde, ist in drei Jahren weg. Wie es danach weitergeht? Ich weiß es nicht. Ich hoffe, dann aus anderen Töpfen bezahlt zu werden, aber sicher ist das nicht. Das ist eine schwierige Situation für mich und meine Familie - wir haben vor Kurzem Nachwuchs bekommen. Wenn man sich von Zeitvertrag zu Zeitvertrag hangelt, zögert man mit dem Kinderkriegen und baut kein Haus. Die berufliche Unsicherheit reicht weit hinein ins Privatleben.

Aber richtig schlimm wird es erst in ein paar Jahren. Dann ist die Frist abgelaufen, nach der Wissenschaftler nicht mehr mit wiederholten Zeitverträgen beschäftigt werden dürfen. Das Gesetz war gut gemeint, es sollte Arbeitnehmer schützen, denen dann ein unbefristeter Vertrag angeboten werden muss. Aber in der Realität führt es faktisch zu einem Beschäftigungsverbot. Und dazu, dass Menschen auf der Strecke bleiben - Menschen wie ich, für die dann Endstation ist.

Ich kann dann kaum mehr im akademischen Mittelbau an einer Uni oder einem Forschungsinstitut arbeiten. Wenn ich in der Forschung bleiben will, ist die einzige Perspektive, Professor zu werden, weil es andere unbefristete Stellen kaum gibt. Aber natürlich gibt es auch nicht so viele Professuren. Außerdem liebe ich es, Forscher zu sein, und würde es am liebsten mein Leben lang bleiben. Ich bin gern im Labor, werte Daten aus, schreibe wissenschaftliche Artikel - ich will gar nicht Professor werden, um Forschung nur noch zu verwalten.

Für meinen Traumberuf nehme ich auch einiges in Kauf. Ich habe studiert, promoviert und bin Spezialist in meinem Fachgebiet innerhalb der Biowissenschaften. Aber bezahlt werde ich nicht danach. Zumal ich in der Realität weit mehr arbeite als die 39 Stunden, die abgerechnet werden. Es wird wie selbstverständlich erwartet, dass ich meine Wochenenden auf Symposien oder Seminaren verbringe oder meine Aufsätze am Abend schreibe.

Wegen der fehlenden Perspektiven gehen viele schon nach der Promotion in die Industrie, teuer ausgebildete Wissenschaftler werden so Vertreter für Laborprodukte oder Pharmazeutika - oder ganz ins Ausland. Aber das ist nichts für mich und mit Mitte 40 wäre der Absprung auch schwierig. Deswegen müsste das Gesetz abgeschafft und der akademische Mittelbau gestärkt werden - damit ich mich wenigstens von Zeitvertrag zu Zeitvertrag hangeln könnte. Wahrscheinlich wird daraus nichts werden, aber ich werde es wohl darauf ankommen lassen.

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