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Zeitarbeit - Lohndumping - Burn-out:"Vollzeit heißt 50 Stunden, in Spitzenzeiten locker 60"

Sabine Kettler, 38 Jahre

  • Arbeitet als: Werberin
  • Verdient: 2500 Euro für 25 Stunden Wochenarbeitszeit (offiziell)
  • Ärgert sich über: Druck, Überstunden und den Mami-Stempel

In der Werbebranche ist es ganz selbstverständlich, dass die Mitarbeiter in den letzten Wochen eines Projekts kein Privatleben mehr haben. Dass man Bastelnachmittage mit den Kindern oder Treffen mit Freunden sausen lässt und sich Tag und Nacht der Arbeit verschreibt. Für mich bedeutet das, dass ich meinem Sohn nichts mehr versprechen kann - zum Beispiel, mit ihm im Kindergarten die Laternen für den Martinsumzug zu basteln. Dass ich an diesem Nachmittag nicht im Büro sein kann, stand lange fest. Bis mein Chef kurz vorher sagte: Nee, geht doch nicht, und wenn ich es trotzdem täte, sei das Arbeitsverweigerung und das Projekt für mich gestorben. Ich bin geblieben, aber Leidtragender war mein Sohn.

Ich arbeite in der Werbung, seit ich 26 bin. Seit meiner Elternzeit nur noch 25 Stunden pro Woche in Teilzeit, davor Vollzeit - wobei das nicht 40, sondern eher 50 Stunden hieß, in Spitzenzeiten locker 60. Junge Kollegen denken, es sei wichtig durchzuhalten, Tag und Nacht zu arbeiten, um nach zwei Jahren zu einer großen Agentur zu wechseln. Sie lassen sich blenden von durchdesignten Loft-Büros und schicken, rückenfreundlichen Bürostühlen. Aber das Klischee vom porschefahrenden Art Director im schicken Penthouse stimmt nicht. In Wahrheit geht es immer so weiter wie bisher, nur die wenigsten steigen auf und werden belohnt.

Viele halten dem Druck irgendwann nicht mehr stand. Auch ich bin in den Burn-out gerutscht. Ich habe mir ständig Sorgen gemacht, war immer unruhig, konnte nicht mehr schlafen, bin nur noch der Arbeit hinterhergehechelt. Zwei Jahre war ich in Behandlung, bis ich gemerkt habe: Das alles bringt mir nichts. Ich habe mich erholt und bin wieder eingestiegen, jetzt - mit zwei Kindern - in Teilzeit. Das ist in der Branche ungewöhnlich, deswegen bekomme ich den Mami-Stempel aufgedrückt. Vor der Elternzeit hatte ich ein eigenes Team, jetzt mache ich keine Projekte mehr, sondern nur noch kleinere Aufgaben, die ein Praktikant billiger erledigen könnte.

Aber ich lasse mich nicht mehr mit neuen Rechnern oder Cocktailabenden ködern. Und ich beantworte abends keine Mails mehr und feile auch nicht bis nachts um drei an Präsentationen. Ein sicherer Job, eine anständige Bezahlung und ein Chef, der auch mal ein freundliches, anerkennendes Wort übrig hat, sind mir mittlerweile wichtiger. Ich bin so weit, mit der Werbebranche abzuschließen, und mir etwas in der Unternehmenskommunikation oder an einer Hochschule zu suchen. Eigentlich habe ich schon innerlich gekündigt, nicht nur wegen der Bezahlung, sondern auch wegen dieser Spielchen, die ich nicht mehr mitmachen will.