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Zeitarbeit - Lohndumping - Burn-out:"Es ist eine Art akademischer Billiglohn-Sektor"

Tina Kaiser, 33 Jahre

  • Arbeitet als: freiberufliche Lehrkraft für Wirtschaftsenglisch und Deutsch als Fremdsprache
  • Verdient: etwa 900 Euro für 20 Stunden Wochenarbeitszeit
  • Ärgert sich über: schlechte Bezahlung, prekäre Arbeitsbedingungen

Viele Dozenten bei uns an der Uni haben weniger Geld als ihre Studenten. Das ist ihnen peinlich, sie müssen ihre latente Armut überspielen, was mitunter nicht einfach ist, wenn man sich nicht einmal einen Zahnersatz leisten kann. Wer das Maximum von 24 Unterrichtseinheiten leistet, kommt etwa auf 1800 Euro im Monat. Mit Vor- und Nachbereitung ist das aber eine 40-Stunden-Woche. Viele Kollegen schlagen sich permanent mit etwa 1000 Euro pro Monat durch, weil sie gar nicht mehr Kurse zum Unterrichten bekommen. Ich promoviere derzeit und arbeite nicht Vollzeit, daher versuche ich mich mit 900 Euro pro Monat über Wasser zu halten. Ich unterrichte an zwei Hochschulen Englisch für verschiedene Fachbereiche, in den Ferien gebe ich Deutschkurse, für die ich nicht einmal 20 Euro pro Stunde bekomme.

Honorarlehrkräfte wie ich haben keinerlei Sicherheiten: Die jährlich fünf Monate langen Semesterferien bedeuten kompletten Verdienstausfall, das gleiche gilt übrigens, wenn man krankheitsbedingt nicht unterrichten kann. Die Verträge sind auf ein Semester befristet und wie viele Kurse man im kommenden Semester geben kann, erfährt man wenige Tage vor dem Start. Und schließlich sehe ich mich noch mit dem Vorwurf der Scheinselbständigkeit konfrontiert, weil mir mein Arbeitgeber nun mal keine Festanstellung ermöglicht.

In 30 Jahren droht Altersarmut, weil meine Bezüge nicht reichen, um in die Rentenkasse einzuzahlen, geschweige denn, privat vorzusorgen. Auf eine Festanstellung hoffe ich schon lange nicht mehr. Ich habe deswegen nebenher noch Staatsexamen für Gymnasiallehramt gemacht, um nach meiner Promotion Kinder an Schulen unterrichten zu dürfen. Dies macht mir zwar weniger Spaß, bietet jedoch die finanzielle Sicherheit, die es - spätestens wenn man sich mit Familienplanung beschäftigt - nun mal braucht.

Natürlich hat diese Schieflage im System auch Auswirkungen auf die Lehre: Die Motivation ist im Keller und letztlich lohnt es sich für die Lehrkräfte - zynisch gesagt -, möglichst wenig Zeit in Vor- und Nachbereitung ihrer Stunden zu investieren. Im Prinzip ist das eine Art akademischer Billiglohn-Sektor. Es bräuchte verbindliche Tarifverträge für alle Dozenten, zumindest für alle, die Prüfungsleistungen abnehmen und damit maßgeblich die Zukunft der Studenten beeinflussen - eine Art Mindestlohn für Akademiker. Das Geld dafür ist durchaus vorhanden, wenn die Politiker nicht nur bis zur nächsten Wahl denken würden.

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