Zehn Jahre Hartz IV Wie es einem beim Jobcenter ergeht

Wie es einem im Jobcenter ergehen kann

Der Mitarbeiter auf der einen Seite des Schreibtisches, der Hartz-IV-Empfänger auf der anderen Seite: Die Atmosphäre im Jobcenter kann mitunter sehr angespannt sein. Ein Ausschnitt aus dem Film "Freigestellt" von Claus Strigel. mehr ...

"Die Ausbreitung des ökonomistischen Denkens erklärt, warum sich gerade hierzulande die gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit - und Langzeitarbeitslose sind dann eine solche Gruppe - zunehmend auch bei Personen findet, die sich selbst einen hohen sozialen Status zuschreiben", stellt Heitmeyer fest, der von einer "rohen Bürgerlichkeit" spricht. Sie entstehe, weil die Bürger selbst verunsichert seien und privilegierte Positionen sichern wollten. "Das funktioniert am besten, wenn man sich selbst auf- und andere abwertet."

Absturz

Die Geschwindigkeit, mit der Menschen selbst aus vergleichsweise gut situierten Verhältnissen aus der Gesellschaft geschleudert werden können, erklärt die große Verunsicherung. Thomas Stochas, der in Wirklichkeit anders heißt, hat sie erlebt, obwohl sein Weg in das Berufsleben so gradlinig verlief. Zunächst macht er eine Lehre als Bankkaufmann, später studiert er Wirtschaft. Gute Noten, schnelles Studium. Stochas meldet sich nach dem Abschluss an der Hochschule kurz arbeitslos - wie viele seiner Freunde. Doch er findet bald einen Job: Eine Stelle als Führungskraft bei einem deutschen Handelskonzern. Dann der Bruch: Stochas tut sich schwer mit den Geschäftspraktiken in dem Unternehmen - er wird noch in der Probezeit gekündigt. Das Problem: Er ist gerade mal Mitte zwanzig und hat noch nicht lange genug in die Arbeitslosenversicherung einbezahlt. Mindestens zwölf Monate in den vergangenen zwei Jahren hätten das sein müssen. Genau genommen hatte er das schon während seiner Zeit bei der Bank gemacht. Aber das zählt nicht mehr, weil er danach das Studium anfing. Die Folge: Stochas fällt direkt in die Hartz-IV-Förderung. Das höhere Arbeitslosengeld I erhält er nicht. Stattdessen gibt es nur noch das Existenzminimum.

Zuständig ist für ihn auch nicht die Arbeitsagentur, die sich um Arbeitslosengeld-I-Empfänger kümmert, sondern das Jobcenter, dass die Hartz-IV-Empfänger betreut. Seiner Erfahrung nach ist das Jobcenter weniger geübt bei der Unterstützung von Akademikern und hat auch kaum Geld für Fortbildungsmaßnahmen zur Verfügung. Gleich beim ersten Besuch im Jobcenter muss er sich rechtfertigen: Die Abteilungsleiterin bohrt nach, warum er denn den Job verloren habe und setzt ihn unter Druck. Wenn er nicht rasch was finden würde, würde ihm die Behörde einen Job ohne jede Rücksicht auf seine Qualifikation vermitteln. Und dann müsse er sich eben mit einem Niedriglohn zufriedengeben. Punkt. Im ersten Schreiben der Behörde heißt es: "Sie haben heute in dem Jobcenter vorgesprochen und Ihre Notlage bekannt gegeben." Sein neuer Status: "erwerbsfähiger Hilfsbedürftiger". In den offiziellen Statistiken wird mittlerweile von den "Leistungsberechtigten" gesprochen. Klingt netter. Doch im Jobcenter wird Stochas von Anfang an als Bittsteller schuldig gesprochen.

Schuld

Ist das Zufall? Nein. Wer Geld vom Staat bekommt, soll sich schuldig fühlen. Darüber kann auch der Begriff "Kunde" nicht hinwegtäuschen, mit dem seit Einführung von Hartz IV auf den Ämtern Erwerbslose bezeichnet werden. Kurioserweise nannte schon 1928 der Reichstagsabgeordnete Gustav Hartz in seinem Buch "Irrwege der deutschen Sozialpolitik und der Weg zur sozialen Freiheit" Arbeitslose Kunden, damals allerdings noch in Anführungszeichen. Sein Namensvetter Peter Hartz stülpte dann 77 Jahre später den Arbeitslosen den Kundenbegriff endgültig über. Warum nur?

Grafik: Verteilung der Empfänger von Hartz IV und Sozialgeld nach Bundesländern; in Prozent der Wohnbevölkerung; Quelle: Bundesagentur für Arbeit

Armutsforscher Christoph Butterwegge bemerkt: "Ein Kunde bringt Geld mit und kann bestimmen, was ihm der Verkäufer zeigt und anbietet. Der Arbeitslose aber kommt, weil er kein Geld hat." Er nennt den Kundenbegriff eine Verhöhnung, die an Zynismus kaum zu überbieten sei. Er lasse verkennen, dass die Arbeitslosen unter Hartz IV "in ihrer Individualität und mit ihren Problemen" nicht mehr angemessen wahrgenommen würden. Und er verdeckt die Verlagerung der Schuldfrage: Die Arbeitslosigkeit ist unter Hartz IV von einem Strukturproblem zu einem individuellen Problem umdefiniert worden. Nun stehen selbst Erwerbslose in einem Wettbewerb zueinander, der auch noch die letzte Solidarität zerbrechen lässt.

Der Soziologe Klaus Dörre sieht das auch als Folge der Vorgaben für die Mitarbeiter in den Jobcentern, die nach Zielvereinbarungen geführt würden und Vermittlungsaktivitäten nachweisen müssten. Am ehesten gelänge ihnen das, wenn sie sich auf die sogenannten "A-Kunden" konzentrierten, die als schnell vermittelbar gälten. Auf der Strecke blieben vor allem die "B-" und "C-Kunden" die schwerer zu vermitteln seien und schnell mit dem Stigma "faul" versehen würden. Gerade die stünden dann unter enormem Rechtfertigungsdruck, was die Abgrenzung fördere: "Das Wahnsinnige ist, jeder von den befragten Leistungsbeziehern kennt jemand, der angeblich faul ist und sagt: ich bin nicht so", sagt Dörre. Tatsächlich nicht arbeiten wollten seinen Untersuchungen zufolge höchstens acht bis zehn Prozent der Hartz-IV-Empfänger - und das oft nur aus purer Resignation. Natürlich gebe es auch Leute, die mit dem Hartz-IV-Satz plus ein wenig Schwarzarbeit und vielleicht einem eigenen Garten ganz gut über die Runden kämen. Deshalb aber alle Hartz-IV-Empfänger unter Generalverdacht zu stellen, sei absurd.

Entmündigung

Auch die Mitarbeiter in den Jobcentern sind mitunter bestürzt, welch tiefe Spuren Hartz IV bei den Betroffenen hinterlässt. Eine, die offen darüber redet, ist Inge Hannemann, die im Jobcenter Hamburg-Altona gearbeitet hatte, später vom Dienst suspendiert wurde, weil sie angeblich Strafen gegen Hartz-IV-Empfänger zurücknahm und die dann die Behörde verklagte. Auf Hannemann wirkten die Menschen im Jobcenter oft wie entmündigt und völlig ausgeliefert. Sie schlüpften automatisch in die Rolle des Schwächeren. Die Stärkere, das war Inge Hannemann. "Mich hat das immer ziemlich erschreckt", erinnert sich die 46-Jährige. Hannemann konnte über die Zukunft der Menschen entscheiden. Wenn sie jemandem einen Ein-Euro-Job zuwies, musste er sich fügen - sonst drohte eine Strafe. "Das ist wie bei einem Kind, dem ich sage: Du räumst jetzt dein Zimmer auf, sonst kriegst du weniger Taschengeld."

Gesammelte Akten zu Gerichtsverfahren um Hartz-IV-Leistungen in Berlin. Für jede Verfehlung kann einem Arbeitslosen die Zahlung gekürzt werden.

(Foto: Sean Gallup/Getty Images)

Es habe schon Menschen gegeben, die für sich selbst entscheiden wollten, sagte Hannemann. Mitunter seien manche aggressiv geworden: "Man sieht sich auch draußen auf der Straße", konnte es dann heißen. Die Wut kommt schnell, weil viele Hartz-IV-Empfänger aufgrund liegen gebliebener Anträge auf Geld warten müssen.