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Immobilienpleite in den USA 2007:Die Aktienmärkte waren ein denkbar schlechtes Krisen-Barometer

Das erste Halbjahr 2007 lieferte anschauliche Beispiele dafür, welch große Schwierigkeiten die Finanzmärkte mit ihren ganzen Computern, Modellen und Algorithmen haben, etwas qualitativ Neues zu erkennen, wenn es denn auftritt. Das Neue, das war eine Immobilienkrise, die nicht nur einzelne Regionen, sondern die gesamten Vereinigten Staaten erfasste. Neu waren auch die Instrumente der Spekulation - etwa verbriefte Kreditversicherungen ("Credit Default Swaps"), mit denen sich Kreditrisiken in Bilanzen auf der ganzen Welt verlagern ließen. Theoretisch sollte das die Rationalität des Systems erhöhen, tatsächlich führte es in die Katastrophe. Der Investor Warren Buffett sollte diese Papiere später einmal als "finanzielle Massenvernichtungswaffen" bezeichnen. Jedenfalls sollten die Erfahrungen dieser Monate alle Beteiligten Demut lehren, wenn es um die Prognosefähigkeit von Experten in einem sich rasch wandelnden Umfeld geht.

Im April 2007 warnte der IWF in seinem Finanzstabilitätsbericht, dass an den Märkten die Zinsen für relativ sichere und für riskante Geschäfte viel zu dicht beieinander lägen. Diese Fehleinschätzung würde der Markt womöglich in einem "Volatilitätsschock" korrigieren, also mit heftigen Kursbewegungen, mit möglicherweise schlimmen Folgen. Inzwischen gerieten diverse Hypotheken-Verleiher in den Vereinigten Staaten in Schwierigkeiten, darunter New Century, eines der wichtigsten Unternehmen der Branche. Bei der relativ kleinen Investmentbank Bear Stearns geriet ein Hedgefonds in Nöten, der massiv mit Hypotheken-Anleihen spekuliert hatte.

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Die Aktienmärkte waren unterdessen ein denkbar schlechtes Barometer für die Krise. Zwar gab es am 27. Februar einen scharfen Einbruch, der Dow Jones rauschte um 416 Punkte in den Keller, aber das ließ sich immer noch als überfällige Korrektur eines überhitzten Marktes deuten. Am 16. Juli, also wenige Tage, ehe die Krise der IKB öffentlich wurde, verzeichnete der Dax seinen Jahreshöchststand von 8106 Punkten.

Ein bemerkenswerter Tag war der 9. August 2007. Er gilt allgemein als mehr oder weniger offizieller Beginn der Krise. Jedenfalls sprach man von da an von "der" Finanzkrise. An diesem Tag brach der Dow Jones in New York um 387 Punkte ein. Auslöser war die Nachricht, dass die französische Großbank BNP Paribas drei ihrer Fonds sperrte, weil sie infolge der Immobilienkrise die Anlagen nicht mehr genau bewerten konnte. Zusätzlich warnte AIG, damals die größte Versicherung der Welt und zeitweise eines der gefährlichsten Unternehmen für das Finanzsystem überhaupt, vor den Auswirkungen der Subprime-Krise.

Die Warnungen waren ernst genug, aber sie vermochten die Börsen nicht wirklich zu beunruhigen. Die Party ging noch ein paar Monate weiter. Der Dow Jones erreichte am 9. Oktober seinen Jahreshöchststand mit 14 164 Punkten, erst danach begann der Abstieg in den Krisenmodus, und das auch nur langsam. Die Ruhe der Märkte ist umso erstaunlicher, als sich die alarmierenden Meldungen immer mehr häuften. Sogar Goldman Sachs, die vornehmste Adresse der Wall Street, hatte Probleme mit zwei spekulativen Fonds. Die Investmentbank immerhin besaß die nötigen Mittel, um diese Probleme aus eigener Kraft zu lösen.

Es ist wichtig, Lehren aus den Krisen zu ziehen

Auch deshalb war der Optimismus bei vielen Marktteilnehmern ungebrochen. Abby Cohen, die legendäre Analystin von Goldman Sachs, antwortete im Dezember auf die Frage der Süddeutschen Zeitung, ob sie denn mit einer Rezession rechne, mit einem klaren Nein. Dazu seien die Gewinne der Unternehmen noch viel zu hoch. Tatsächlich hatte die Rezession damals, wie sich im Nachhinein zeigte, bereits begonnen. Es sollte die schwerste seit der Weltwirtschaftskrise werden.

Die Finanzkrise und die folgende allgemeine Wirtschaftskrise haben die Welt dauerhaft verändert, ökonomisch, politisch und sozial. Umso wichtiger ist es, Lehren daraus zu ziehen. An der ersten Phase dieser Krise interessiert vor allem, ob man bereits früher die Dimension hätte erkennen und dann das Schlimmste verhindern können.

Tatsächlich sind diese Möglichkeiten gering. Würde sich die Krise unter den gleichen Vorzeichen wiederholen, wüssten die Experten vielleicht, was zu tun ist. Aber der Irrationalismus und die Bereitschaft der Menschen, sich selbst etwas vorzumachen, ist groß. Beispiele dafür liefern die Ökonomen Kenneth Rogoff (Harvard) und Carmen Reinhardt (damals Universität Maryland) in ihrem während der Finanzkrise geschriebenen und zu Recht berühmt gewordenen Buch "This Time Is Different" reichlich. Immer wieder findet sich in Krisenzeiten jemand, der sagt: "Diesmal ist alles anders. Diesmal müssen wir die Lehren von gestern nicht beherzigen." Jedesmal erweist sich dies als Illusion.

Die Schwächen der Europäischen Währungsunion wurden brutal offengelegt

Wichtig ist aber auch die Erkenntnis, dass die Finanzkrise nicht so hart hätte ausfallen müssen. Der schwerste politische Fehler der amerikanischen Behörden kam im folgenden Jahr 2008: Erst retteten Finanzminister Henry Paulson und Notenbankchef Ben Bernanke die strauchelnde Investmentbank Bear Stearns, dann ließen sie am 15. September die Bank Lehman Brothers untergehen. Erst dieser Schock war es, der das Finanzsystem an den Rand des Zusammenbruchs brachte.

Bereits im Jahr 2007 hat die Krise die Schwächen der europäischen Währungsunion brutal offengelegt. Aber auch dies nahmen Politiker und Banker in Europa mit großer Verspätung wahr, 2010, als Griechenland vor der Zahlungsunfähigkeit gerettet werden musste.

Das deutsche Bankensystem hat die Nachwirkungen der Krise noch lange nicht überwunden. Die Deutsche Bank, die sich einst rühmte, die Krise unbeschädigt überstanden zu haben, ist nur noch ein Schatten ihrer selbst. Die Münchner HRE gehört als Bad Bank dem Staat. Nur die IKB, mit der vor zehn Jahren alles anfing, steht inzwischen gut da. Sie ist komplett privatisiert und schreibt seit vier Jahren schwarze Zahlen.

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