Zehn Jahre Airbnb Immer was los

Das ehemalige Start-up ist heute ein milliardenschwerer Tourismus-Anbieter. Seinen Reiz hat er trotzdem noch.

Von Jürgen Schmieder und Katharina Kutsche

Scott ist traurig, verzweifelt, und er ist einsam. Seine Lebensgefährtin hat ihn nicht nur verlassen, sondern gemeinerweise "geghosted". So wird das genannt, wenn jemand eine Beziehung nicht stilvoll mit einer Begründung beendet, sondern einfach verschwindet, Telefonnummer und Profile auf sozialen Netzwerken löscht und quasi zum Geist wird. "Es ist schrecklich", klagt Scott, 47, der vor wenigen Wochen auch noch für 1,3 Millionen Dollar ein Haus im Süden von Los Angeles gekauft hat: "Ich muss die Kredite ohne die Hilfe meiner Partnerin bedienen, die sich über eine monatlich Miete beteiligt hat - und mein Makler sagt, dass es völlig hirnrissig wäre, das Haus jetzt zu verkaufen."

Scotts Heim ist ein zweistöckiges Einfamilienhaus mit Dachterrasse und offener Küche. Es gibt also keine Wohnung, die man abteilen könnte. Oben ist ein Zimmer mit eigenem Bad und Balkon mit Ozeanblick, das er für, nun ja, ein mögliches Kind geplant hatte und das nun leer steht. Langfristig vermieten kann man das nicht. "Und nun?", fragt Scott. Es ist April 2018, bald beginnen die Sommerferien, dann strömen die Touristen in dieses Dorf am Strand. Ein Freund antwortet: "Airbnb?"

Hier wurden die ersten Luftmatratzen-Schlafplätze vermietet: 19 Rausch Street in San Francisco.

(Foto: Google Street View)

Zehn Jahre ist es her, dass der Marktplatz für die Vermietung von Unterkünften in San Francisco gegründet wurde. Die Geschichte dahinter ist bekannt: Brian Chesky, Joe Gebbia und Nathan Blecharczyk hatten in ihrer viel zu teuren WG in San Francisco ein paar Luftmatratzen verteilt und zu Konferenzen vermietet, wenn die Technikfreaks in die Stadt einfielen und sich kein Hotel leisten konnten. Ihre Wohnung in der Rausch Street war das erste Inserat auf der Website namens Airbedandbreakfast: Luftmatratze und Frühstück. Seitdem hat das Unternehmen nicht nur den Namen eingekürzt, sondern sich auch rasant entwickelt. 300 Millionen Nutzer können aus fünf Millionen Inseraten auswählen. Als Unterkünfte gibt es in 191 Ländern nicht nur Zimmer in Wohnungen und Häusern, sondern auch in Schlössern und Baumhäusern.

Seit 2014 gibt es "Airbnb for Work", allein in Deutschland nutzen Mitarbeiter aus 38 000 Firmen das Portal für ihre Geschäftsreisen. Das Unternehmen finanziert sich aus den Provisionen von Gästen und Gastgebern. So erfolgreich, dass es nach mittlerweile elf Finanzierungsrunden mit mehr als 30 Milliarden Dollar beurteilt wird.

Doch wie die anderen Riesen aus dem Silicon Valley auch, steht Airbnb in der Kritik. Was ursprünglich nach einer kleinen Nebeneinnahme für Privatleute klang, ist heute ein Markt, den insbesondere professionelle Anbieter nutzen. Mehr als die Hälfte der Inserate sind ganze Wohnungen und Häuser. Und mit Kurzzeitvermietungen sind deutlich höhere Einnahmen zu machen, als mit einem regulären Mieter, der nicht nur touristisch lebt, sondern vor allem wohnt. So bringt Airbnb zum einen den Mietmarkt durcheinander und konkurriert zum anderen mit kleinen Pensionen, Hotelketten und Plattformen wie Booking.com. Aus dem Start-up ist ein Tourismus-Anbieter geworden.

Vor zehn Jahren gehörte Brian Chesky zu den Gründern von Airbnb, heute ist er Chef.

(Foto: AP)

Dazu kommen die Horrorgeschichten, die Vermieter erlebt haben: die Wohnung in Stockholm, die als Wochenend-Bordell missbraucht wurde. Das Studio im australischen Sydney, das innerhalb von zehn Tagen in einen Drogenumschlagplatz verwandelt wurde. Die wilden Neujahrspartys in New York, die Orgien in Los Angeles, das abgebrannte Haus in Dublin. Auch potenzielle Mieter können von schlechten Erfahrungen berichten: Die Plattform zieht Betrüger an, die mit gefälschten Wohnungsangeboten versuchen, Anzahlungen von Kunden abzukassieren.

Airbnb, so scheint es manchmal, ist ein Marktplatz für Sündenpfuhle. Das stimmt so natürlich nicht. Es gibt sie ja auch, die guten Geschichten, die zeigen, dass Airbnb das Reisen verändert, die Menschen tatsächlich bereichert hat, und sie an schönere Orte führt, als es langweilige Hotelzimmer manchmal sein können.

Zum Beispiel bei Ricarda und Elaine aus dem nordkalifornischen Berkeley im April 2017. Die beiden Freundinnen sind so genannte Superhosts, sie haben zu jenem Zeitpunkt knapp 1000 positive Bewertungen auf ihrem Profil. Sie selbst wohnen in einem kleinen Haus in Laufweite zur University of California in Berkeley, die als Geburtsstätte der amerikanischen Studentenbewegung und damit als legendärer Ort der Meinungsfreiheit gilt. Im Garten gibt es vier Mini-Häuschen, die Gäste für 95 Dollar pro Nacht mieten könnten. Das Zusatzangebot: eine Feuerstelle im Garten und Gratis-Bier am Abend, die Gäste sollen sich miteinander unterhalten und voneinander lernen.

Die gute Seite von Airbnb: schöne Erlebnisse und spannende Kontakte

Es gibt Begegnungen mit den beiden chinesischen Frauen in New York während der US Open 2016, die einem schon zum Frühstück eine würzige Fischsuppe servieren, selbst kein Englisch sprechen und dem Gast deshalb mal eben Chinesisch beibringen. Die Frau in Tijuana, die einem zeigt, wie es wirklich zugeht in dieser Stadt an der mexikanisch-amerikanischen Grenze, die Donald Trump mit einer Mauer absichern will. Ein Abend in London, bei dem man das beste Curry seines Lebens bekommt und zum Konzert in den Hyde Park eingeladen wird.

Ey, mein Nachbar vermietet auf Airbnb

Viele Wohnungen sehen auf Airbnb-Inseraten sehr hübsch aus, aber manchmal trügt der Schein. Auch bei der Firma selber läuft nicht alles optimal. In vielen Städten weltweit überlegen Kommunalpolitiker, ob sie Airbnb bändigen müssen. Sie wollen verhindern, dass der knappe Wohnraum an Touristen vermietet wird - zulasten der eigenen Bürger, die bereits unter steigenden Mieten leiden. Airbnb argumentiert wiederum, dass das Unternehmen helfe, den knappen Raum besser zu nutzen, und dass Einnahmen über Airbnb helfen können, die eigene Miete zu zahlen. Die Stadt München beispielsweise hat gerade erst Airbnb aufgefordert, sie zu informieren, welche Vermieter ihre Wohnung komplett und mehr als acht Wochen im Jahr vermieten wollen, denn das ist in der Stadt verboten. Auch das Berliner Recht kennt das schöne Wort Zweckentfremdungsverbot und um es durchzusetzen, sollen die Nachbarn helfen: Berliner können verdächtige Wohnungen auf der Internetseite der Stadt melden. Auch die Steuerzahlungen der Vermieter sind in den Blick der Kontrolleure geraten. Denn nicht jede Vermieterin hat dem Finanzamt mitgeteilt, dass sie für ein paar Tage Gäste hatte, die dafür bezahlt haben. Das Bundeszentralamt für Steuern hatte die irische Europa-Tochter von Airbnb nach einer Liste mit den Vermietern in Deutschland gefragt, wie im Mai bekannt wurde. In Dänemark informiert das Unternehmen Finanzämter bereits automatisch über die Verdienste, die über die Seite abgewickelt werden. Die Europäische Kommission interessiert sich ebenfalls für Airbnb. Zusatzgebühren für die Reinigung und für Airbnb müssten direkt bei der Suchabfrage zu sehen sein, monierte sie kürzlich.

Und es gibt natürlich Scott aus Redondo Beach, der das mal ausprobiert hat mit Airbnb. Er vermietet das Zimmer im Obergeschoss seit drei Monaten und hat seitdem knapp 10 000 Dollar eingenommen. "Das ist wichtig, aber nicht so wichtig wie die Leute, die ich seitdem getroffen habe", sagt er: "Ich alter Sack lerne jeden Tag was Neues." Scott kocht für seine Gäste, bietet sich als Reiseführer an, und manchmal, da sitzt er einfach nur mit ihnen auf der Dachterrasse und sieht der Sonne beim Untergehen zu. Er wirkt nicht mehr traurig oder verzweifelt, vor allem ist er nicht mehr einsam. Bei ihm ist nun immer was los.