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Digitalkonzerne:Wenn der Mensch nur noch Mittel ist

Berlin Wirtschaft Zalando Logo der Online Versandhandelsfirma Zalando in Berlin 23 6 2019 Berlin *

Bei Zalando bewerten sich die Mitarbeiter gegenseitig. So will der Online-Modehändler die Entwicklung der Mitarbeiter unterstützen - doch das hat Nachteile.

(Foto: Christian Ditsch/imago)

Zalando muss sein umstrittenes Personalsystem ändern. Das sollte nur der erste Schritt sein, um Digitalkonzerne künftig stärker einzuschränken.

Kommentar von Alexander Hagelüken

Reden Digitalkonzerne über ihre Mitarbeiter, malen sie gern ein Paradies an die Wand. Ob Amazon oder Zalando: Da ist von Aufstiegschancen die Rede, oder von "gelebter Feedback-Kultur". Hinter der Schwurbelrhetorik verbirgt sich oft ein Alltag, der für Beschäftigte auch handfeste Nachteile hat. Deshalb hat die Berliner Datenschutzbehörde richtigerweise das Personalsystem des Modehändlers Zalando zurechtgestutzt. Dieser Eingriff sollte Signalwirkung haben: Der Staat darf die Beschäftigten in der digitalen Arbeitswelt nicht alleine lassen.

Bei Zalando werden Mitarbeiter umfassend von Kollegen bewertet, was dann ihren Lohn beeinflusst - und ihre Zukunft. Europas größter Online-Modehändler preist dies als Mittel, um die Entwicklung der Mitarbeiter zu unterstützen. Die Gefahren liegen auf der Hand, so Berlins Datenschützer: "Beschäftigte müssen bei jeder Begegnung mit einer anderen Person der Firma damit rechnen, dass ihr Verhalten das nächste Zeugnis beeinflusst. Die Folge kann permanenter Überwachungsdruck und Stress sein." So empfanden es auch Zalando-Mitarbeiter. Höchste Zeit, dass die Datenschützer den Modehändler zu Änderungen zwangen.

Berlin hat aber nur diesen Fall entschieden, und das erst nach einem Jahr. Die Behörde spricht zwar davon, dass sie nun Kriterien hat, die sie bei anderen Firmen anwenden will. Doch Berlin ist ein Bundesland von 16. Nötig erscheint ein deutschlandweites Handeln - auch in anderen Bereichen.

Denn zum einen verbreiten sich Systeme wie bei Zalando, mit denen Firmen Mitarbeiter analysieren, in der ganzen Arbeitswelt. Dagegen ist erst mal nichts zu sagen, solange das für alle Beteiligten fair läuft. Es muss einem aber klar sein, welche technischen Möglichkeiten die Digitalisierung bietet, Beschäftigte zu durchleuchten. Im Laufe der Industrialisierung haben Kapitalisten die Arbeit in der Fabrik in kleine Schritte zerlegt, um sie zu messen und Leistungsvorgaben zu machen. Diese Taylorisierung lässt sich durch die Digitalisierung auf Büromenschen und andere Dienstleister übertragen. Dies könnte zu brutalem Leistungsdruck führen, wenn Politik und Arbeitnehmervertreter nicht eingreifen.

Zum Zweiten pflegen viele der Digitalkonzerne, die in den vergangenen Jahren mächtig wurden, eine spezielle Art des Kapitalismus: Fahr- und Lieferdienste versuchen, Arbeitnehmer zu Selbständigen zu machen. Soll das Personal selber schauen, wie es die Krankenversicherung bezahlt und woher es später Rente bekommt.

Auch bei Festanstellungen gibt es Vorwürfe, etwa gegen den Onlinehändler Amazon. Mitarbeiter in den USA berichteten, sie würden rundum kontrolliert. Frauen verklagten den Konzern, angeblich wurden sie gefeuert, nachdem sie in der Schwangerschaft oft aufs Klo gingen. Die Firma wies dies alles zurück. Sie steht aber ohnehin in der Kritik, weil sie wie andere Digitalkonzerne Wettbewerber bedrängt und Steuern vermeidet, die die Gesellschaft benötigt. US-Präsident Joe Biden greift Amazon an, 2017 und 2018 gar keine Bundessteuern gezahlt zu haben.

Die Digitalkonzerne behaupten gerne: Bei uns ist der Mensch Mittelpunkt. Ob als Kunde oder Arbeitnehmer. Oft drängt sich aber der Eindruck auf, dass für die Firmen der Mensch eher Mittel ist. Punkt.

Die Politik ist gefordert, darauf eine umfassende Antwort zu geben. Dazu gehört, dass sie Monopole verhindert und die Firmen klar der Steuerpflicht unterwirft, was durch Bidens Zustimmung zu einer globalen Mindeststeuer erleichtert wird. Die Politik darf auch keine Scheinselbständigkeit zulassen. Sie darf keiner Firma erlauben, die Bildung eines Betriebsrats zu verhindern. Und sie sollte allgemeine Rechte schaffen, damit Firmen Beschäftigte nicht durch digitale Personalsysteme ausbeuten.

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