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Zahlungsverkehr:Wirecard ist weg - jetzt kommt Otto

Otto-Logo: Vom Versand- zum Onlinehändler mit eigener Plattform.

(Foto: imago)

Der Onlinehändler will einen eigenen Zahlungsverkehrs­dienstleister aufbauen. Was steckt dahinter?

Von Harald Freiberger

In den vergangenen Wochen war viel von einem Zahlungsverkehrsdienstleister namens Wirecard die Rede. Eine der zentralen Fragen bei dem Skandal-Unternehmen aus Aschheim lautet: Was ist das für ein seltsames Geschäft, in dem man über Jahre, unerkannt von Wirtschaftsprüfern und Finanzaufsehern, Luftbuchungen in irrsinniger Höhe vornehmen, den Aktienkurs hochtreiben und Bankkredite abgreifen kann, sodass sich der Schaden nun nach der Pleite auf mehrere Milliarden Euro summiert?

In der vergangenen Woche verschickte der Onlinehändler Otto die Meldung, dass er nun einen eigenen "Zahlungsverkehrsdienstleister" aufbauen will. Da man bei diesem Wort inzwischen sensibilisiert ist, stellen sich eine Reihe neuer Fragen: Was genau will Otto da schaffen? Kann man als Zahlungsverkehrsdienstleister eigentlich auch Geld verdienen? Und gibt es einen Zusammenhang mit Wirecard?

Der Versuch einer Einordnung: "Otto-Versand, Hamburg", wie der Werbeslogan lautete, ist ein Stück deutscher Wirtschaftswunder-Geschichte. Er lieferte zusammen mit Versandhäusern wie Neckermann oder Quelle in den Nachkriegsjahrzehnten einen guten Teil der materiellen Ausstattung deutscher Haushalte, und zwar frei Haus. Doch das Versandgeschäft kam spätestens in den 1990er-Jahren aus der Mode, es gab auch Pleiten von Versandhändlern. Otto konzentrierte sich auf die neue große Mode: das Internet. Der Versand- wurde zum Onlinehändler. Und schließlich wollte Otto nicht mehr nur eigene Waren per Internet verschicken, sondern baute eine Plattform für andere Händler auf, über die diese ihre Produkte verkaufen können. Vorbild sind große internationale Plattformen wie Amazon oder Ebay.

Nun folgt der nächste Schritt, den Experten für folgerichtig halten: der Aufbau eines eigenen Zahlungsverkehrsdienstleisters. "Otto hat einen wichtigen Trend richtig erkannt, die Corona-Krise hat dem Internethandel einen Schub gegeben, und im Zahlungsverkehr lässt sich gutes Geld verdienen, wenn man ihn beherrscht", sagt Ernst Stahl, Zahlungsexperte des Ibi-Instituts an der Universität Regensburg. Bisher wickelt Otto die Zahlungen eigener Kunden und von Kunden anderer Händler auf seiner Plattform über den Zahlungsdienstleister Computop ab. Indem die Plattform einen eigenen Zahlungsdienstleister schafft, kann sie künftig für jeden Händler alles aus einer Hand bieten.

Mit Zahlungsverkehr hat Otto seit jeher Erfahrung: Versandhändler verkauften früher stets per Rechnung, dazu gehörte es, vorher die Kreditwürdigkeit von Kunden zu prüfen - und Schulden hinterher per Inkasso einzutreiben. Otto versuchte sich auch schon an einem eigenen Zahlungsdienst, Yapital, der aber vor wenigen Jahren eingestellt wurde. Zudem war Otto über Jahre mit Ratepay verbandelt, einem Unternehmen, das Online-Zahlungen abwickelt.

Bis die neue Zahlungsplattform soweit ist, dauert es aber noch: Erst im Frühjahr 2022 soll sie an den Start gehen. Ein Grund dafür ist, dass dafür eine Lizenz der Finanzaufsicht Bafin nötig ist, da Otto dann fremdes Geld verwaltet. Die Verdienstmöglichkeiten eines Zahlungsdienstleisters sind vielfältig: Er kann für die Händler auf seiner Plattform nicht nur die Zahlung abwickeln, sondern dazu die sehr lukrative Ratenzahlung anbieten, die Risiken kalkulieren, Garantie und Rückversand übernehmen - und sich das alles bezahlen lassen. Für die Händler auf der Plattform ist das praktisch, für Otto bringt es Geld. Und nicht zuletzt: "Otto ist damit auch im Besitz aller Daten und kann diese im Rahmen des Datenschutzgesetzes analysieren und verwerten und ein eigenes Servicegeschäft daraus machen", sagt Carsten Hahn, Experte beim Beratungsunternehmen Capco.

Experte Stahl sieht großes Potenzial für eine eigene Online-Plattform und einen dazu gehörenden Zahlungsdienstleister in Deutschland. "Ausgemacht ist der Erfolg freilich noch nicht, das wird sich erst in der Zukunft zeigen", sagt er. Jedenfalls gibt es weiter großen Bedarf an guten Zahlungsdienstleistern, selbst wenn Wirecard dem Ruf der Branche nicht geholfen hat.

Im Übrigen hat der Vorstoß von Otto mit Wirecard wenig zu tun. "Die Vorbereitungen dafür liefen schon lange bevor sich abzeichnete, dass es für Wirecard eng wird", sagt Ralf Gladis, Chef des Zahlungsverkehrs-Spezialisten Computop. Im Übrigen verkraftete der Markt die Pleite des Aschheimer Unternehmens relativ problemlos: Bei einigen Händlern funktionierten ein paar Tage lang die Online-Zahlungen nicht, danach hatten sie Ersatz gefunden. Das lag auch daran, dass Wirecard in Deutschland beim Bezahlen im Netz bei Weitem keine so eine große Rolle spielte, wie es wegen der öffentlichen Aufmerksamkeit für das Dax-Unternehmen erschien: Der Marktanteil lag gerade bei drei bis fünf Prozent.

© SZ vom 08.09.2020
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