Süddeutsche Zeitung

Griechenlands Ex-Finanzminister:Yanis Varoufakis redet Klartext in München

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"Lassen Sie mich meine Frustration mit Ihnen teilen": In München wirbt Griechenlands Ex-Finanzminister Varoufakis für sein Buch - und kündigt eine politische Kampagne an.

Von Lea Hampel

Dieser Mann scheut keine großen Worte. Das war schon so, als Yanis Varoufakis noch griechischer Finanzminister war und ohne Krawatte, dafür aber mit Lederjacke und Mittelfinger für Aufsehen sorgte. Seit er im Juli zurückgetreten ist, sind die Worte nicht eben kleiner geworden, im Gegenteil.

Auch an diesem Mittwochabend wählt er große Worte. Der Ökonom ist Gast bei der Veranstaltungsreihe "Münchner Seminare". Das Münchner ifo-Institut, die Süddeutsche Zeitung und der Hanser Verlag haben in die Große Aula der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität geladen - ein Ort, an dem sonst Professoren ihre Abschiedsvorlesungen halten.

Es geht um nicht weniger als die Zukunft der Welt

Heute ist es ein Anfang. Es soll um nichts weniger gehen als die Zukunft der Welt, Griechenlands - und vor allem Europas. "Diese europäische Krise treibt unsere Völker auseinander", sagt Yanis Varoufakis, es existierten Barrieren, "sie müssen niedergerissen werden."

Der Professor und Polit-Rockstar ist gerade auf Lesereise. "Time for Change" (zu deutsch "Zeit für Wandel") heißt sein im Juli erschienenes Buch. "Wie ich meiner Tochter die Wirtschaft erkläre", lautet der Untertitel. Derzeit wird er für die elterlichen Gespräche wenig Zeit finden, denn er reist durch die Welt, bewirbt das Buch und erklärt statt seiner Tochter Erwachsenen seine Sicht auf Ökonomie, EU und die Zukunft Griechenlands - an diesem Abend mehreren Hundert Gästen, die lange applaudieren, als er die Bühne betritt.

Es ist eine Mischung aus Selbsterklärung, Vorlesung und Wahlkampfrede: Zunächst erklärt Varoufakis, warum er in die Politik gegangen ist. Als Griechenlands Insolvenz 2010 bekannt wurde, sei das persönlich tragisch gewesen für ihn, sagt Varoufakis.

"In ein pleite gegangenes System die größte Summe zu geben, die je in der Menschheitsgeschichte geliehen wurde", fand er als Ökonom so abwegig, dass er selbst etwas ändern wollte.

Damals, so der Ex-Minister, habe er einen Plan gehabt: Markt- und Institutionsreformen, eine Aufsplittung der griechischen Schulden sowie separate Verhandlungen über eben diese. "Das war der Plan. Lassen Sie mich nun meine Frustration mit Ihnen teilen", sagt er und schaut in den Saal. Eine Debatte sei schlicht nicht zugelassen worden, nicht vor und nicht während seiner Zeit als Finanzminister.

Er ist sich sicher, dass das Rettungs-Programm scheitern werde

Stattdessen seien sich alle schnell einig gewesen, dass er keinen Plan habe - Griechenland stimmte schließlich den Bedingungen der Gläubiger zu. Niemand habe wirklich geglaubt, dass der neue Plan zur Rettung Griechenlands aufgehen würde. Nicht der Währungsfonds, nicht der deutsche Finanzminister, nicht die EU. "Ich wollte nicht ein weiterer griechischer Minister sein, der Pläne schreibt, an die er sich nicht hält." Deshalb sei er zurückgetreten. Im übrigen sei er sich sicher, dass das nun laufende Programm scheitern werde.

"Lassen Sie mich erklären, warum das eine große Niederlage für Europa ist", sagt Varoufakis. Kurz ist nicht klar, ob er seinen Rücktritt im Sommer meint oder die politische Entscheidung seiner ehemaligen Regierung. Griechenland, so der Ökonom, sei nur ein Indikator, der zeige, dass die Eurozone nicht auf ein langfristiges Bestehen ausgelegt sei. "Die Frage ist nur, was machen wir jetzt daraus."

Varoufakis will die EU demokratisieren - von unten

An einer Antwort bastelt Varoufakis derzeit selbst, auch wenn er das an diesem Abend zunächst nicht erwähnt. Denn eines steht für ihn außer Frage: "Wir müssen dafür sorgen, dass Europa funktioniert." Er wolle, so hat er es auf seinem Blog erläutert, den Geist des Athener Frühlings ins Herz Europas tragen. Mit dem Frühling meint er die Aufbruchstimmung nach dem Wahlgewinn von Syriza.

Er fordert eine Demokratisierung der ganzen Europäischen Union. Hier herrschen seiner Ansicht nach enorme Defizite. Das will der Ökonom mithilfe einer Graswurzelbewegung ändern. An diesem Abend in München konstatiert er nur unter Klatschen, dass eine Debatte über die notwendigen Reformen der Europäischen Union fehle. Und dass er an dieser Debatte teilhaben will.

Er dürfte bereits erste Unterstützer für ein paneuropäisches linkes Netzwerk gefunden haben. Seit Wochen tourt er durch Europa, war bereits bei der linken Bürgermeisterin Barcelonas, Ada Colau, und beim italienischen Premierminister. Er hat im geschichtsträchtigen Coimbra in Portugal gesprochen und an der Universität von Oxford. In Deutschland habe er bei der SPD und der Linken offene Ohren gefunden. Eine Rückkehr in die Politik also? "Ich kann nicht zurückkehren, weil ich die Politik nie verlassen habe", sagt Varoufakis. "Das, was ich hier mache, ist Politik."

Es dauere, bis man so etwas aufbaue, sagt Varoufakis, der einstige Finanzminister. Derzeit arbeiten er und andere an einer Schrift, die Grundlage der neuen Bewegung sein und vor Weihnachten erscheinen soll. Ein neuer Plan. Die Rede ist von einem Manifest. Keine Angst vor großen Worten eben.

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Quelle:
SZ vom 29.10.2015/jly
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