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Wüstenstromprojekt Desertec:"Tage der Entscheidung"

Auch EU-Kommissar Günther Oettinger gilt als Befürworter einer solchen Lösung und treibt die Pläne voran. Die Bundesregierung habe bereits signalisiert 50 Millionen Euro für ein entsprechendes Projekt zur Verfügung zu stellen, heißt es. Und auch die Dii-Gesellschafter seien bereit, sich finanziell mit vielen Millionen zu engagieren.

Dii-Manager rätseln indes über die Motive ihres Chefs. Für Misstrauen sorgt die Vergangenheit Paul van Sons im Lager der europäischen Energieversorger und der späteren RWE-Tochter Essent aus den Niederlanden. Dort habe man schlicht kein großes Interesse am raschen Import von Strom aus Nordafrika, schließlich käme damit neue Konkurrenz auf den Markt, wenn auch in zunächst kleinen Dosen. Die Sorge um Folgen für die Dii auf internationalem Parkett wachsen. Es sei problematisch, dass strategische Änderungen einer solchen Tragweite ohne klaren Auftrag der Geldgeber erfolgten, heißt es in Kreisen der Dii. Die Reputation des Projekts in der gesamten Mittelmeerregion hänge auch vom geplanten Export des Stroms ab. Dies sei schließlich der grundlegende Gedanke der Desertec-Vision. Denn hinter der steht das große Ziel, von jenen Solarkraftwerken, die Nordafrika baut, auch Teile des europäischen Energiebedarfs zu decken. Schon 2016 sollte eigentlich der erste Strom fließen.

In der heftigen Strategie-Debatte weist Dii-Co-Geschäftsführer van Son die Kritik zurück. Die Dii setze sich mit der marokkanischen Solaragentur weiter dafür ein, dass sich Europa für Strom aus Nordafrika öffne. Es gehe um den Austausch von Strom in beide Richtungen. "Wenn eine Projektidee wie Sawian I bisher noch nicht den Durchbruch erlebt hat, ist doch nicht das Ganze in Frage gestellt", sagte van Son am Mittwoch. In vielen Ländern der Region ist Strom Mangelware, an Export nach Europa dort nicht zu denken.

Doch der Streit ist mitnichten beigelegt. Anfang Juni erreichte er auf einer Gesellschafterversammlung in Sevilla auch Vertreter der knapp 20 beteiligten Unternehmen. Man habe kontrovers über die Ende des Monats anstehende Vertragsverlängerung mit van Son gesprochen hieß es. Sein Vertrag verlängert sich automatisch, es sei denn er würde gekündigt. Eine Entscheidung, sei jedoch bislang nicht gefallen. Schon in den nächsten Tagen könnten personelle Konsequenzen ganz anderer Art folgen, heißt es weiter. Denn es sei unklar, ob die zweite Geschäftsführerin der Dii, Aglaia Wieland, unter diesen Umständen weitermachen wolle. Sie gilt als Verfechterin der ursprünglichen Dii-Linie. Wieland wollte sich gegenüber der SZ zu den Vorgängen nicht äußern. Aus der Dii heißt es: "Wir erwarten Tage der Entscheidung."

© SZ vom 27.06.2013/fzg

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