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Soziale Lage:Corona spaltet Arm und Reich

Coronavirus - Köln

Wer in der Corona-Krise kein Home-Office machen kann, muss oft die Arbeitszeit reduzieren, um die Kinder zu betreuen. Das geht mit Einkommensverlusten einher.

(Foto: Oliver Berg/dpa)

Wer ohnehin wenig verdient, büßt in der Krise besonders oft Einkommen ein. Forscher warnen: Corona-Verlierer fallen besonders auf Verschwörungsmärchen zur Pandemie herein.

Von Alexander Hagelüken

Die Corona-Pandemie treibt Arm und Reich in Deutschland weiter auseinander. Wer schon vorher wenig verdiente, verlor in der Krise besonders häufig Einkommen. Das geht aus dem neuen Verteilungsbericht des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) hervor. Die Wissenschaftler fordern deshalb unter anderem ein Mindest-Kurzarbeitergeld. Verlierer der Corona-Krise seien empfänglicher für Verschwörungsmythen.

In der menschlichen Geschichte haben Seuchen und Kriege meist die Ungleichheit reduziert, so der Verteilungsforscher Christoph Butterwegge. Reiche verloren besonders viel. Die Corona-Pandemie aber ist anders, zumindest was die Einkommen angeht. Diesmal trifft es laut WSI-Befragungen jene am meisten, die ohnehin am wenigsten verdienen. So erlitten 45 Prozent der Haushalte Einbußen, die sowieso nur ein Nettoeinkommen von bis zu 1500 Euro im Monat haben. Haushalte mit mehr als 4500 Euro netto dagegen hatten nur etwa halb so oft Verluste. Generell waren diese Topverdiener weniger betroffen als alle anderen Gruppen. Und das gilt auch für die Höhe der Einbußen. Während von den Topverdienern durch Corona nur jeder vierte mehr als ein Viertel seines Einkommens verlor, waren es bei den Wenigverdienern doppelt so viele. Die WSI-Befragungen sind von April und Juni. Seither nimmt die Zahl jener zu, die Einbußen haben, schätzen die Forscher.

Wenigverdiener arbeiten öfter in Bereichen, in denen die Möglichkeit zum Home-Office fehlt

Warum spaltet Corona Arm und Reich? Es wirken verschiedene Effekte. Wenigverdiener arbeiten öfter im sozialen Bereich, in der Fabrik oder im Supermarkt. Als im Frühjahr Schulen und Kitas dichtmachten, konnten sie nicht ins Home-Office. Sie mussten ihre Arbeitszeit reduzieren, um die Kinder zu betreuen - und verdienten deshalb weniger. Besonders traf das Alleinerziehende und generell Frauen. Und: Wenn Firmen in der Krise Leute entlassen, sind dies besonders oft Leiharbeiter und Minijobber, die sowieso weniger verdienen als die Allgemeinheit.

Auch die Kurzarbeit wirkt sich aus, bei der Arbeitnehmer im Regelfall 60 bis 67 Prozent ihres Einkommens erhalten. Beim letzten Wirtschaftseinbruch nach der Finanzkrise 2008 gab es Kurzarbeit vor allem bei passabel bezahlten Industriejobs. Viele Firmen legten noch etwas drauf. Diesmal gibt es auch viel Kurzarbeit im Gastgewerbe, bei Verkehr/Logistik und generell in Kleinbetrieben. Also in Bereichen, wo ohnehin unterdurchschnittlich gezahlt wird. Generell zeigt sich: Wer in Deutschland am wenigsten verdient, bis zu 1700 Euro netto im Monat, arbeitet am häufigsten kurz - gefolgt von jenen mit bis zu 3200 Euro im Monat.

Die Krise trifft nicht nur Arbeitnehmer. Hohe Einbußen haben auch Selbständige. Dabei leiden wegen der Schließungen häufig Künstler, Kosmetikerinnen, Dozenten oder Fitnesstrainer, die ohnehin meist nicht üppig verdienen.

Helfen könnte ein Mindest-Kurzarbeitergeld von 1200 Euro

"Menschen, die zuvor schon wenig hatten, sind in der Krise besonders oft und besonders hart von wirtschaftlichen Verlusten betroffen", bilanziert Bettina Kohlrausch, Direktorin des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts. Deutschland überstehe die Pandemie nur ohne tiefe gesellschaftliche Risse, wenn der Staat zusätzliche Maßnahmen ergreife, um die Einkommen zu erhöhen. Die gewerkschaftsnahen Forscher fordern, Kinderbetreuung zu gewährleisten, damit Eltern arbeiten können. Zudem solle der Staat noch mal einen Kinderbonus zahlen. Weil Wenigverdiener Einbußen durch Kurzarbeit schlechter verkraften, solle es ein Mindest-Kurzarbeitergeld von 1200 Euro im Monat geben. Außerdem machen sich die Forscher für einen Mindestlohn von zwölf Euro, die Verlängerung des Arbeitslosengeldes auch 2021 und mehr Tarifverträge stark.

Sie warnen vor politischen Konsequenzen, falls Wenigverdienern nicht mehr geholfen wird. Dies könne die Identifikation erheblicher Teile der Bevölkerung mit der Demokratie in Deutschland schädigen, so WSI-Forscher Andreas Hövermann. "Wir sehen in unserer Forschung deutlich: Menschen mit Einkommensverlusten beurteilen die Situation im Land deutlich kritischer. Und sie zeigen sich im Durchschnitt sogar empfänglicher für Verschwörungsmythen zur Pandemie".

Die Corona-Krise verstärkt einen gefährlichen Trend. Schon vorher klafften Arm und Reich stärker auseinander als in den 1990er Jahren. 2013 erreichte der sogenannte Gini-Koeffizient ein historisches Hoch. Seitdem sank er etwas, was vor allem an Lohnzuwächsen der Mittelschicht lag - doch die fällt nun in der Pandemie teilweise zurück. Das Fünftel der Haushalt mit dem niedrigsten Verdienst war vom Wirtschaftsboom vor Corona sowieso weitgehend abgeschnitten. Ihr Einkommen stieg kaum oder schrumpfte sogar. Und nun schlägt die Pandemie zu.

© SZ
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