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Wohnungslosigkeit:Der Boom der Städte

Ein Besuch in der Franziskanerstraße an einem anderen Tag, an einem anderen Abend. Die meisten Mitarbeiter sind bereits auf dem Nachhauseweg, die Gänge sind leer, doch Rudolf Stummvoll, Leiter des Münchner Amts für Wohnen und Migration, sitzt noch immer in seinem Büro im vierten Stock. Der 60-Jährige blickt aus dem Fenster, während er spricht. Fast, als wolle er seine leisen, bedächtig klingenden Worte an die Stadt richten und nicht an seinen Besucher: "Dieses Amt ist mehr als 100 Jahre alt. Wenn du Geld hattest, konntest du in dieser Stadt schon immer gut leben, auch heute - aber sonst? Irgendwann wird München an seinem eigenen Erfolg ersticken, wenn es nicht gelingt, das Wohnungsproblem zu lösen." Es klingt nicht verbittert, wenn Stummvoll das sagt. Nur ehrlich.

Wenn man den Erfolg einer Stadt daran misst, ob sie für Menschen attraktiv ist, dann hat München Erfolg: Der Nettozuzug - die Fortzüge sind von diesen Zahlen schon abgezogen - liegt derzeit bei 25 ooo bis 30 000 Menschen im Jahr. Sie alle drängen in die Stadt, in die Wohnungen und Häuser. Doch wer zu wenig Geld hat, um die Kaltmiete von im Schnitt mehr als zehn Euro pro Quadratmeter zu zahlen oder sich gar eine eigene Wohnung zu kaufen, hat es schwer: 90 Prozent der Münchner Wohnungen sind in Privatbesitz. 10 Prozent bleiben der Stadt. Zu wenig.

Die Stadt als Projektionsfläche in einer individualisierten Gesellschaft

Immer und immer wieder zu wenig. Stummvoll blickt aus dem Fenster. Wäre die Wohnungsnot in Städten wie München weniger groß, wenn mehr Leute bereit wären, in den Randgebieten zu wohnen? Nein, sagt Stummvoll und schüttelt den Kopf. Wer bei ihm durch die Tür tritt, muss bereits bis weit in den Speckgürtel hinein nach Wohnungen gesucht haben, muss Absagen und Annoncen vorweisen, sein gesamtes Einkommen offenlegen. Erst dann bringt die Landeshauptstadt einen unter, oder besser gesagt, versucht es: 20 000 Menschen haben sich in diesem Jahr beim Amt um eine Wohnung bemüht, 13 000 von ihnen haben die Anforderungen erfüllt und eine Vormerkung erhalten, 9000 davon waren besonders dringlich. Doch nicht einmal für die Hälfte all dieser dringenden Fälle haben die Wohnungen gereicht: "3500 geförderte Wohnungen haben wir in diesem Jahr vergeben", sagt Stummvoll. Er weiß, es reicht nicht.

Dass die Städte boomen, während auf dem Land immer mehr Häuser leerstehen, liegt nicht nur an den wirtschaftlichen Vorteilen, die die Städte bieten: mehr Unternehmen, mehr Arbeitgeber. Sondern auch am subjektiven Lebensgefühl, das die Großstädte verheißen, sagt der Stadtsoziologe Florian Schmidt. Er ist Mitgründer der Initiative "Stadt neu denken" in Berlin und seit Kurzem Atelierbeauftrager der Hauptstadt: "Das Individuum findet in den Städten eine Vielfalt von Lebensentwürfen, an denen es sich orientieren kann. Die Städte werden zur Projektionsfläche der individuellen Sinnsuche in unserer Konsumgesellschaft. Deshalb drückt vor allem die Wissens- und kreative Elite in die Innenstädte - und verdrängt andere."

Auch Berlin, das lange für billige Mieten bekannt war, kämpft wie so viele deutsche Städte mit der Wohnungslosigkeit: Die Nettokaltmieten sind im vergangenen Jahr doppelt so stark gestiegen wie im Bundesdurchschnitt. Nach Angaben der Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales sind momentan etwa 12 000 Menschen ohne Wohnung. Nicht alle leben in Heimen, manche auch in Pensionen oder Hostels. Während der kalten Monate richten die Bezirke der Stadt jedes Jahr bis zu 500 Notschlafplätze ein, in diesem Jahr sollen es 600 sein. Noch reicht das, da die Temperaturen relativ milde sind. Doch das kann sich schnell ändern. "Das Wohnungsproblem hat massiv zugenommen. Immer mehr Menschen kommen in unsere Beratungen, all unsere Einrichtungen sind nahezu voll ausgelastet", sagt Kai Gerrit-Venske, Referent der Berliner Caritas für Wohnungslosen- und Straffälligenhilfe.

In der Hauptstadt bietet die Caritas unter anderem betreutes Einzelwohnen an; Menschen im Anschluss eine Wohnung zu vermitteln, werde allerdings immer schwieriger. "Unsere Mitarbeiter sind mittlerweile mitunter mehr Makler als Sozialarbeiter", sagt Venske. Eigentlich habe Berlin zwar ein sehr dichtes Netz, von Streetwork bis hin zur stationären Betreuung. Aber das System komme an seine Grenzen. Das zeige das veränderte Stadtbild, sagt Venske: "Unter den S-Bahn-Brücken schliefen früher ein paar Einzelne, heute sind es ganze Gruppen."

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