Der Aufwärtstrend im seit Jahren kriselnden Wohnungsbau in Deutschland verstetigt sich. Auch im Juni stieg die Zahl der Baugenehmigungen für Neubau sowie Umbau von Wohnraum im Vergleich zum Vorjahresmonat prozentual zweistellig, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. Für die ersten sechs Monate insgesamt ergab sich mit gut 15 Prozent Plus auf 126 300 Einheiten der stärkste Anstieg für ein erstes Halbjahr seit 2016. Allerdings war der Vorjahreszeitraum 2025 auch vergleichsweise schwach. Den höchsten Wert für den Zeitraum Januar bis Juni verzeichnen die Wiesbadener Statistiker in ihrer Zeitreihe für das erste Halbjahr 2021 mit fast 190 000 Baugenehmigungen für Wohnungen.
Im Juni des laufenden Jahres genehmigten die Behörden 21 600 Wohnungen in Neubauten und Bestandsgebäuden und damit fast 14 Prozent mehr als im Vorjahresmonat. Mehr als 80 Prozent davon sind Wohnraum, der in neuen Gebäuden entstehen soll.
Schätzungen zufolge fehlen etwa eine Million Wohnungen in Deutschland. Vor allem in Ballungsräumen ist bezahlbarer Wohnraum knapp. Im vergangenen Jahr waren in Deutschland so wenige Wohnungen fertiggestellt worden wie seit dem Jahr 2012 nicht: 206 600 fertige Einheiten bedeuteten einen Rückgang um 18 Prozent zum Vorjahr. Die Bundesregierung will mit einem „Bau-Turbo“ über schnellere Genehmigungen den Wohnungsbau voranbringen und hat zudem Förderprogramme für energieeffizientes Bauen reaktiviert.
Die gestiegenen Genehmigungen verbucht Bundesbauministerin Verena Hubertz (SPD) als ihren Erfolg. „Der Wohnungsau kommt zurück“, sagte sie der Nachrichtenagentur Reuters. Der „Bau-Turbo“ nehme Fahrt auf, stellte sie fest. „Zugleich sage ich klar: Wir kommen von einem niedrigen Niveau, und wir sind noch längst nicht dort, wo dieses Land beim Wohnungsbau stehen muss.“
Auch bei der Bauindustrie sieht man diese Zahlen gerne. Aber auch hier ist keine ungebremste Euphorie erkennbar. „Steigende Genehmigungszahlen können sicherlich in Teilen mit dem Bau-Turbo zusammenhängen“, sagt Tim-Oliver Müller, Hauptgeschäftsführer beim Hauptverband der Bauindustrie. „Aber: Es kommen einfach zu wenige Aufträge am Markt an – das wiederum schlägt sich in den niedrigen Baufertigstellungszahlen nieder.“ Er sehe eine Lücke zwischen Genehmigungen und tatsächlich gebauten Wohnungen. Hohe Baukosten und Standards sowie die Finanzierungslage machten es der Branche schwer. Damit wieder mehr gebaut werde, brauche es einen weiteren Bau-Turbo, und zwar im Bereich der Finanzierung, sagt Müller. So könnten „genehmigte Projekte finanzierbar und schlussendlich auch gebaut werden“.
Die ohnehin schon hohen Baukosten könnten durch die anhaltende Trockenheit in Deutschland übrigens noch weiter steigen. Da Transportschiffe etwa im Rhein deutlich weniger laden können, verzögern sich Lieferungen für die Baubranche, während die ohnehin hohen Materialpreise nochmals Auftrieb bekommen.
