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Genossenschaften:Geld von der Bank gibt es wohl erst, wenn die Mieten steigen

Immerhin würden städtische Grundstücke in Hamburg nicht automatisch an den Meistbietenden vergeben, sagt Böhme - sondern an den, der das beste Gesamtkonzept hat: Angebote für den Kiez, Kita, sozialer Wohnungsbau. Günstige Kredite vergibt die Hamburgische Investitions- und Förderbank. "Hamburg ist eigentlich ein guter Markt", sagt Böhme daher. Probleme bereiteten vielen Genossenschaften allerdings die hohen Auflagen für Neubauten: Wärmedämmung, Belüftung, hohe Energiestandards: "Das ist sehr kostenintensiv, trotzdem sollen die Mieten niedrig sein."

Von ähnlichen Herausforderungen berichtet auch Christian Stupka aus München. "Nach dem Krieg hat kaum eine der traditionellen Genossenschaften neu gebaut, sie haben stattdessen ihre Bestände verwaltet", beschreibt er die Szene. In Genossenschaften seien Mitglieder häufig schwer vom Neubau zu überzeugen. Viele von ihnen haben ja bereits eine Wohnung in der Genossenschaft und sind damit zufrieden - wozu also investieren? Stupka gründete daher 1993 mit einigen Mitstreitern die Genossenschaft "Wogeno", die seither mehr als 500 Wohnungen erworben oder neu gebaut hat. An ihre Mitglieder schüttet sie aktuell 3,2 Prozent Dividende aus.

Wenn alles gut geht, sollen die Bauarbeiten noch 2015 wieder beginnen

Als größten Knackpunkt für den Neubau nennt Stupka ebenfalls die Grundstückpreise. "In München sind auf dem freien Markt die Grundstückskosten inzwischen höher als die Baukosten", sagt Stupka. Und lobt die Politik der Stadt München im gleichen Atemzug: 20 Prozent der städtischen Grundstücke gehen dort allein an Genossenschaften. Auf weiteren 30 Prozent fördert München Projekte, die günstige Mietwohnungen und Mehrwert für die Stadtteile versprechen. Einen guten Grundstock an Eigenkapital braucht es natürlich, damit sich eine Genossenschaft gründen kann, sagt Stupka. Selbst für städtische Förderdarlehen müssten es 25 Prozent der gesamten Kosten sein. Banken auf dem freien Markt verlangten bis zu 40 Prozent. Das ist natürlich gerade für die neuen Genossenschaften, die noch keine Wohnungen im Bestand haben, schwierig. Damit solch ein Projekt an diese Kredite kommt, muss es ein für die Kreditgeber überzeugendes Konzept haben, sagt Stupka. Helfen könnten gerade den kleineren Neugründungen staatliche oder kommunale Bürgschaften.

Die Möckernkiez eG muss nun sehen, ein ebensolches Konzept vorzulegen. Konsequenzen aus der Misere gab es schon: Der alte Vorstand wurde ausgetauscht, der Aufsichtsrat bekam einen neuen Vorsitzenden, die Genossen sind zu Einschnitten bereit. Viele empfinden diese als schmerzhaft. Zwei Teilgrundstücke, auf denen ein Hotel und Gastronomie entstehen sollen, werden gerade verkauft. Eine Absichtserklärung mit einem Interessenten sei bereits unterschrieben, sagt der neue kaufmännische Vorstand der Genossenschaft, Frank Nitzsche. Der Kaufvertrag hänge natürlich davon ab, ob es doch noch Kredite von einer Bank gibt. Auch da zeigt sich Nitzsche zuversichtlich, vor allem, seit die Möckernkiez-Genossen auf einer Mitgliederversammlung beschlossen haben, die Erstbezugsmieten um 10,7 Prozent zu erhöhen. Außerdem soll es Förderdarlehen von den Mitgliedern an die Genossenschaft geben - allerdings auf freiwilliger Basis. "Manche Leute stoßen jetzt schon an ihre Grenze, die wollen wir natürlich nicht verlieren", sagt Nitzsche.

Wenn alles gut geht, sollen die Bauarbeiten noch in diesem Jahr wieder beginnen. Noch einmal 22 Monate soll es dauern, bis für die Mitglieder der Traum von der Mehrgenerationen-Öko-Siedlung wahr wird. Anders als geplant. Aber immerhin wahr.

© SZ vom 18.08.2015
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