Wohnen:In Großstädten könnte langsam "das Ende der Fahnenstange erreicht werden"

Ulrich Ropertz, Geschäftsführer des Deutschen Mieterbundes, hält die Zahlen des Immobilienverbandes für nachvollziehbar. "Mieter aus den Ballungszentren weichen aus, die Nachfrage steigt, es gibt einen gewissen Nachholbedarf und in vielen Fällen gibt es keine Mietpreisbremse." In Großstädten wie München könnte bei den Mietpreisen langsam "das Ende der Fahnenstange erreicht werden. Immer weniger Nachfrager sind in der Lage, auf die mit Abstand teuersten Mieten in Deutschland weitere Aufschläge bei einer Wiedervermietung zu zahlen", sagt Ropertz.

Dieser Anstieg der Wohnkosten verstärkt die Ungleichheit in Deutschland, wie eine neue Untersuchung zeigt. Dabei haben Forscher der Berliner Humboldt-Universität und des University College in London die real verfügbaren Einkommen vor und nach Abzug der Wohnausgaben zwischen 1993 und 2013 verglichen. Demnach ist für das unterste Fünftel der Verdiener der Anteil ihrer Wohnungsausgaben von 27 Prozent auf fast 40 Prozent 20 Jahre später gestiegen.

Wer mehr fürs Wohnen ausgeben muss, kann kaum noch Geld sparen

Die obersten 20 Prozent der Einkommensbezieher mussten hingegen nur 16 statt 14 Prozent ihres verfügbaren Einkommens ausgeben, um die Ausgaben fürs Wohnen zu begleichen. Die Wissenschaftler begründen dies vor allem damit, dass die Mieten stärker gestiegen sind als die Kosten für selbst genutzten Wohnraum.

Eigentümer, die bei den oberen Einkommen stärker vertreten sind, hätten von den gesunkenen Hypothekenzinsen profitiert. Dies wirke sich in Deutschland besonders stark aus, da Geringverdiener hierzulande nur selten eigene vier Wände besäßen. Hinzu kommen andere Gründe, wie der Zuzug in die teureren Städte und die steigende Zahl von Ein-Personen-Haushalten, für die das Wohnen in der Stadt überproportional viel vom Einkommen aufzehrt.

Die Forscher sehen diese Entwicklung mit Sorge. Wer mehr fürs Wohnen ausgeben müsse, könne weniger sparen und habe es schwerer, einen Kredit für den Kauf einer Wohnung zu bekommen. "Daher ist zu erwarten, dass die steigende Ungleichheit in der Ersparnisbildung zu höherer Vermögensungleichheit in der Zukunft führt", sagt Professor Bernd Fitzenberger von der Humboldt-Universität.

Helfen würden niedrigere Mieten. Doch IVD-Präsident Schick sieht weiter "einen Mangel an bezahlbaren Wohnraum". Der Wohnungsbau komme "der Nachfrage noch immer nicht hinterher". Nötig sei mehr Bauland zu schaffen. Dabei sollten Bund, Länder und Kommunen auch an die Flächen mit möglichen Umwelt-Altlasten etwa von früheren Fabriken denken. Schick fordert ein neues Förderprogramm, um diese Flächen zu sanieren und darauf Wohnraum entstehen zu lassen. Allein in Deutschlands Großstädten gebe es 200 000 solcher brach liegender Flächen, teilweise sogar in besten Lagen - wie in Berlin Mitte, in der Nähe des Kanzleramts.

© SZ vom 23.10.2018/hgn
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