Wohlstandsmessung:Was für das BIP spricht

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(Foto: Bernd Schifferdecker)

In linken Kreisen hat das Bruttoinlandsprodukt einen schlechten Ruf. Aber das BIP ist keine neoliberale Verschwörung zur Ausbeutung der Menschen.

Kommentar von Bastian Brinkmann

Sieht kalt aus draußen. Blauer Himmel, die Sonne strahlt. Also gleich mit Handschuhen raus? Oder lieber ohne? Vielleicht hilft ein Blick aufs Thermometer: drei Grad. Hm. Ist das jetzt schon zu warm für Handschuhe? Aber was ist, wenn noch eisiger Wind dazukommt? Oder hängt das Thermometer vielleicht zu schattig?

Der Blick aufs Thermometer allein sagt nicht letztgültig, wie das Wetter ist. Ebenso wenig zeigt allein ein Blick aufs Bruttoinlandsprodukt, bekannt auch unter seinem Spitznamen BIP, wie die Wirtschaft läuft. Das BIP erfasst statistisch die Wirtschaftsleistung der Bundesrepublik. Geht es rauf, steigt der Wohlstand - darum starren so viele auf die Wachstumszahlen.

In linken Kreisen dagegen hat das BIP mitunter einen ganz anderen Ruf: Es steht dann für alles, was schlecht läuft im Kapitalismus. Die Kritik lautet zum Beispiel: Das BIP gaukele vor, dass Firmen Jahr um Jahr mehr Umsatz machen müssten, damit es den Menschen gut gehe - dabei schade das Wirtschaftswachstum den Menschen und der Umwelt. Oder: Das BIP befeuere einen schädlichen Konsum, eine Wegwerf- und Geiz-ist-geil-Mentalität. Die Ungleichheit messe es dagegen gar nicht. Überhaupt werde alles Menschliche, Schöne und Gute dem BIP untergeordnet, in die Marktkonformität gezwängt, das ist auch von den BIP-Kritikern zu hören. Dabei sei die Welt doch mehr als ein paar Ziffern, die kalt und neoliberal mit Euro und Prozent etikettiert werden. In dieser Logik ist das Bruttoinlandsprodukt Quacksalbertum, nicht Wissenschaft.

Einige BIP-Kritiker dürften daher "endlich" geseufzt haben, als Vizekanzler Robert Habeck (Grüne) den Jahreswirtschaftsbericht seines Ministeriums vorgestellt hat. Da ging es nämlich auch um Indikatoren "jenseits des BIP". Und da sind dem Ministerium so einige eingefallen: die Quote der Erwerbstätigkeit (rund 80 Prozent, sie liegt für Männer höher als für Frauen), der Anteil von Frauen in Vorständen großer Firmen (keine 16 Prozent), der Anteil der neu gegründeten Firmen (acht Prozent vor der Pandemie), der CO₂-Ausstoß (sinkt, aber nicht genug).

Das sind wichtige, gesellschaftlich relevante Daten. Sie sind zwar ein bisschen unübersichtlich, aber das ist die Realität auch. Es ist gut, wenn das Wirtschaftsministerium auf zusätzliche Zahlen schaut. Allerdings nicht aus dem Grund, den die linken BIP-Kritiker anführen.

Steigt das BIP, können die Menschen tendenziell länger und gesünder leben

Denn ihre Kritik an Bruttoinlandsprodukt und Wirtschaftswachstum läuft oft ins Leere. Das BIP ist keine neoliberale Verschwörung zur Ausbeutung der Menschen. Es ist das Thermometer des Wirtschaftslebens - nicht mehr und nicht weniger. Es misst eine zentrale Größe, die wichtig für Entscheidungen ist. Stimmt die angezeigte Temperatur nicht mit dem überein, was sich draußen gut anfühlt, dann schmeißt man auch nicht direkt das Thermometer an die Wand, sondern schaut sich noch mal um. In der Welt der Statistik heißt das also: Man sammelt zusätzliche Kennziffern, so wie Habecks Ministerium das nun angekündigt hat.

Aber da ist doch ein Interesse dahinter! Na klar: Auch bei Wirtschaftsdaten ist es wichtig, wer welche Zahlen warum zitiert - und welche Grundlage diese Daten haben. Das wird unter Wissenschaftlern munter diskutiert. Und es gilt ja auch im Arbeitsalltag: Wer in einer Sitzung etwas durchsetzen will, zitiert die Statistik, die zur eigenen Agenda passt. Nur macht das eine gute Statistik nicht weniger stark und eine schlechte nicht besser.

Das BIP ist nicht perfekt. Wie ein Thermometer kann es nur eine Größe messen. Aber das ist okay. Ungleichheit muss anders gemessen werden, Nachhaltigkeit gehört gefördert - aber nicht durch ein Ende für das BIP.

Ein wachsendes Bruttoinlandsprodukt ist nur eine statistische Näherung, aber die Gesellschaft nähert sich damit Dingen, die wichtig sind für die Menschen: Mehr Wirtschaftswachstum bedeutet tendenziell eine bessere Medizin und damit ein gesünderes, längeres Leben. Steigt das BIP, schafft und sichert das Arbeitsplätze, nimmt Ängste vor einem Jobverlust. Das sind Dinge, die eigentlich auch linken BIP-Kritikern gefallen könnten.

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