Demografischer Wandel:Wie sich der Wohlstand ohne Babyboomer sichern lässt

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Bild aus dem Archiv der Jahre 1950 bis 1960: Wenn sich die Babyboomer vom Arbeitsmarkt verabschieden, wird das Folgen haben. Wie genau sie aussehen könnten, haben Forscher vom Institut der deutschen Wirtschaft berechnet. (Foto: Gerhard Leber/imago)

Was passiert, wenn die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen? Forscher des Instituts der deutschen Wirtschaft haben verschiedene Szenarien berechnet. Die ökonomischen Folgen könnten verheerend sein.

Von Roland Preuß

Das Problem ist seit Langem absehbar. Die geburtenstarken Jahrgänge gehen demnächst, von Mitte der 2020er Jahre an, vermehrt in Rente. Das sind die Kinder vom Ende der Fünfziger- und Anfang der Sechzigerjahre, ehe die Pille dem Kinderreichtum in deutschen Familien ein Ende bereitete. Die nachfolgenden Generationen sind wesentlich spärlicher besetzt - und das bringt eine Reihe von Herausforderungen mit sich.

Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln hat nun ausgerechnet, wie sich der Abschied der sogenannten Babyboomer auf den Wohlstand im Land auswirken könnte. Je nach Szenario summiert sich der Unterschied auf einige Tausend Euro pro Jahr und Kopf. IW-Direktor Michael Hüther forderte bei der Vorstellung der Ergebnisse am Donnerstag von der neuen Bundesregierung, auf die Schrumpfung der Bevölkerung zu reagieren. "Im Sondierungspapier der drei Ampel-Partner stand nahezu nichts zum Thema Alterung", sagte er.

Die Lage skizziert Hüther so: Die Zahl der Beschäftigten schrumpft von etwa 2025 an stark, während die Zahl der Ruheständler weiter wächst. Bis 2035 wird es laut IW rund fünf Millionen Menschen weniger im Erwerbsalter von 18 bis 67 Jahren geben. Die ökonomischen Folgen, so Hüther, seien gravierend, der Wohlstand gefährdet.

Drei unterschiedliche Szenarien wurden berechnet

Die Forscher gehen in ihrer Untersuchung von drei Szenarien aus. Im ersten Szenario lässt es die Politik weitgehend so laufen wie bisher. Dann sei zwar noch mit einem Zuwachs an Wohlstand zu rechnen, der falle aber mit einem Prozent pro Jahr magerer aus als in den vergangenen Jahrzehnten. Hätte Deutschland im Jahr 2035 so viele Arbeitskräfte wie jetzt, so hätte jeder Bürger demnach preisbereinigt gut 1600 Euro mehr zur Verfügung. Das ist sozusagen der Preis des demografischen Wandels - und einer trägen Politik.

In einem Negativszenario der Wissenschaftler treten weitere Probleme hinzu, es könnten etwa höhere Kosten für Sozialausgaben anfallen. Unternehmen und Staat investieren weniger, die Entwicklung neuer Produkte stockt, die Arbeitslosigkeit nimmt zu. Für diesen Fall rechnet das IW mit "spürbaren Wohlstandsverlusten" bis 2035. Die Kosten des Arbeitskräftemangels und der Alterung würden auf bis zu 5600 Euro pro Kopf steigen, 4000 Euro mehr als im ersten Szenario.

Das arbeitgebernahe IW entwirft im Gegensatz dazu ein positives, drittes Szenario, das dem Land deutlich mehr Wohlstand verheißt. In dieser Zukunft hilft die Bundesregierung, zusätzliche Arbeitskräfte zu mobilisieren, etwa durch den weiteren Ausbau von Kitas und Schulen. Dadurch könnten Mütter und Väter mehr arbeiten. Lebenslange Weiterbildungen würden ältere Beschäftigte länger auf ihrer Stelle halten - was die voraussichtlichen Ampel-Partner im Bund laut ihrem Sondierungsergebnis-Papier bereits anstreben. Als zentral sehen die IW-Forscher zudem höhere Investitionen an sowie einen schnelleren technischen Fortschritt, den die Politik befördern soll.

Im Vergleich zum ersten Szenario ließen sich so bis 2035 rund 3000 Euro pro Kopf mehr erwirtschaften. Die Studie zeige, so Hüther, was falsch laufen könne - und welch große Unterschiede eine andere Politik mache.

Das IW hatte die Untersuchung in Zusammenarbeit mit den Unternehmen Stepstone, New Work und Kienbaum Consultants International erstellt. Der Chef des Stellenvermittlers Stepstone, Sebastian Dettmers, forderte, sehr aktiv um Zuwanderer zu werben, um der Entwicklung entgegenzuwirken. Die geltenden Einwanderungsgesetze seien "nach wie vor zu bürokratisch". Michael Hüther zeigte sich vorsichtiger. Das IW-Szenario sei bereits unter dem Strich von 200 000 Zuwanderern ausgegangen. Einwanderung könne einen Beitrag leisten, "aber sie löst das Problem nicht", sagte er. Zudem müssten es "integrationsfähige Zuwanderer sein". Wenn man die Zahl der Zuwanderer auf 400 000 pro Jahr verdoppele, wie das manche Fachleute gefordert hatten, dann seien auch viel stärkere Integrationsleistungen nötig.

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