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Talkabend:"Vertreter der Glücksgeneration im Osten"

Reden über Ost und West: Lars Dittrich, Katarina Witt, Gregor Gysi sowie Moderator Marc Beise (ganz links).

(Foto: Stephan Rumpf)

30 Jahre Wiedervereinigung? Das ist ein heikles Diskussionsthema, selbst für die erfolgreichsten Deutschen. Ganz humorfrei geht es dennoch nicht.

Von Max Hägler, Berlin

Irgendwann in der Mitte dieses Abends wird es Gregor Gysi dann doch zu viel. Eine Olympiasiegerin, ein Millionär und er, der Rechtsanwalt und bekannte Politiker, haben schon sehr viel gesprochen, über Glück und ihre Erfolge. Sie haben erklärt, dass durchaus einiges positiv war in dem Land, in dem sie aufwuchsen, in der DDR. Jetzt warnt Gysi die Runde: "Man darf sein eigenes Leben nicht generalisieren!" Weil man es selbst geschafft habe, dürfe man daraus nicht schließen, dass so etwas allen möglich ist. Katarina Witt, die Sportlerin, und Lars Dittrich, der Investor, nicken leise. Sie führen ein angenehmes Leben. Aber stehen ihre drei Lebensläufe für die 16 Millionen anderen Menschen, die in der DDR groß geworden sind?

Es ist ein anderes Abendgespräch als üblich bei dieser Konferenz. In den Jahren zuvor wurden schon mal Küchenmaschinen bis zum Rand ihrer Leistungsfähigkeit getestet, und der Schalk dominierte. Aber zum einen ist Unterhaltung schwieriger, so ohne großes Publikum, ohne Resonanzraum. Zum anderen ist da eben dieses Thema heute: 30 Jahre Wiedervereinigung. Die Ansage lautet: "Ohne Jux und Dollerei!" Ganz ohne wird es nicht gehen, aber es ist mehr Sensibilität gefragt als sonst.

Dass es zum Mauerfall kommt, ahnte Katarina Witt lange Zeit nicht, obwohl sie zuvor als eine der wenigen reisen durfte. Olympische Spiele in Calgary 1988, die Zeit, als sie zu Carmen tanzte. Vielleicht war es ein bisschen freier als in den Jahren zuvor, sagte sie heute. Aber ein Systemwechsel? "Ich dachte, das geht noch 30, 40 Jahre!" Witt ist eine der erfolgreichsten Sportlerinnen Deutschlands, unter anderem zweimalige Olympiasiegerin, viermalige Weltmeisterin. Sie freut sich sehr, als gesagt wird, sie sei auch achtmal DDR-Meisterin geworden.

Sie finden unisonso, dass zu viel schlecht geredet worden sei, was aus dem Osten kam

So wenige Fehler, so viele Siege. "Erzähl mir doch mal, woher man die Nerven nimmt", fragt Gysi. Die beste Lektion sei jene mit 16 Jahren gewesen, antwortet Witt, als sie schon einmal um den Weltmeister-Titel lief, aber ängstlich und vorsichtig war. Damals scheiterte sie noch. Die andauernde Übung des dreifachen Rittbergers - was sonst - brachte Sicherheit, und ihr Charakter. "Meine Konkurrentinnen wussten: Ich bin unter Druck am Besten. Da sind viele zerbrochen." Heute nennt man das wohl mentale Stärke. Witt, mittlerweile unter anderem Fitnessunternehmerin, sagt dazu: "Das ist eine eine gewisse Arroganz, die man mitbringt."

Sie ist eine, deren Ruhm eine Zeitenwende überdauerte. Und doch sind ihr die vergangenen 30 Jahre nicht egal. Sie teilt mit Gysi und Dittrich das Gefühl, dass zu viel schlecht geredet worden ist, was aus dem Osten kam. Dass dabei auch manch Gutes leider verschwunden sei, die früher übliche Solidarität unter Nachbarn fällt Witt ein.

Gysi sagt: Abseits von Rotkäppchen-Sekt oder dem Ampelmännchen habe es auch ganz praktisch Sachen gegeben, bei denen man besser war im Osten. Der Mathematikunterricht etwa oder die Naturwissenschaften oder das Abitur mit paralleler Berufsausbildung. Wenn man bei der Wiedervereinigung "sechs Sachen ernsthaft" übernommen hätte aus dem Osten, sagt Gysi, er klingt verärgert, dann hätte sich die Lebensqualität bei den Menschen im Westen verbessert. Und die Menschen im Osten wären selbstbewusster. Das ist das große Thema an diesem Abend: Selbstbewusstsein.

Gysi, 72 Jahre alt, führte die SED-PDS nach dem Mauerfall, wurde später Fraktionsvorsitzender im Bundestag. Sie leiden nicht unter Minderwertigkeitskomplexen, wird er gefragt an diesem Abend. "Nein!", mal abgesehen vom Kochen. Jedenfalls hat der gewandte Gysi den Systemwechsel gut absolviert. Doch damals 1989, 1990 habe es so viele Menschen gegeben, die nicht mehr weiter wussten, erzählt er, Hauptmänner der Nationalen Volksarmee etwa. "Wir haben es übernommen, meine Partei und ich, für eine Zukunft zu sorgen", sagt Gysi, und zugleich eine Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit zu ermöglichen.

"Ich teile sehr viel aus dem Parteiprogramm nicht", entgegnet ihm Dittrich: "Aber ich danke Ihnen!" Für die Millionen DDR-Bürger, die auch dadurch wieder Anschluss gefunden hätten.

Über Zahlen spricht Dittrich nicht, über sein Leben aber schon

"Sie waren ja Ossi", so wurde Dittrich vorgestellt. Gysi schüttelte da den Kopf, leicht genervt. Dittrich ist das Schwarz-Weiße ebenfalls nicht so recht: "Mein dritter Laden war schon in Westberlin!" Ein gesamtdeutscher Erfolg soll das wohl heißen. Nach dem Abitur, also kurz nach der Wiedervereinigung, hatte er eine Telekommunikationsfirma gegründet: Dug Telecom. Als das Unternehmen auf 450 Standorte mit 2500 Mitarbeitern gewachsen war, im Jahr 2007, verkaufte er. 150 Millionen Euro soll das eingebracht haben. Über solche Zahlen spricht Dittrich nicht, über sein Leben aber schon: "Ich halte mich für einen Vertreter der Glücksgeneration im Osten!"

Behütet sei er aufgewachsen, "in der Platte", ganz normal. In einer Welt, die noch nicht so komplex war, in der alle irgendwie gleich waren, erzählt er. Und in der man Mathematik so gut vermittelt bekam - auch er ist ein Anhänger der DDR-Schulbildung. "Dann wurde ich in den Westen entlassen." Entlassen sagt er, und erzählt, was ihm Sorge bereitet hat: Der Armeedienst, wo die Möglichkeit bestanden hätte, "gebrochen" zu werden. Bald 30 Jahre ist das her, mittlerweile ist er Investor: Sein Geld steckt in Technikfirmen wie Soundcloud. In Immobilien in Halle-Neustadt. Und in Filmen wie der Hitlerparodie "Er ist wieder da".

Was man daraus lernen kann? Wenig, meint Gysi, der Älteste in dieser Runde: "Sie waren erfolgreich, andere nicht, alles Zufälle." Wobei natürlich nicht alles vom Zufall und vom Glück abhängt. In diesen Tagen komme ihm das in den Sinn, sagt Gysi, angesichts der Pandemie: "Aus der DDR kannten wir schon geschlossene Grenzen, aber keine geschlossenen Kneipen." Ein Jux auf Kosten der Wessis, das ist schon okay an diesem Abend.

© SZ
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