Wissenschaft "Zum Wohle der Mäuse"

Nora Szech, Jahrgang 1980, ist Inhaberin des Lehrstuhls für Politische Ökonomie am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Sie forscht zu Marktdesign mit einem Schwerpunkt auf moralisch relevantem Verhalten.

(Foto: privat)

Die Wirtschaftswissenschaftlerin und Moral-Expertin Nora Szech spricht über schlechte Manager, gute Manieren und den Unterschied zwischen "gut gemacht" und "gut gemeint". Fazit: Die Ökonomie hat Nachholbedarf.

Interview von Max Hägler

SZ: Frau Szech, ist Einfühlungsvermögen wichtig für Wirtschaftslenker?

Nora Szech: Nur wer empathisch ist, kann eine Gruppe so führen, dass sie sich wohlfühlt und damit gute Ergebnisse bringt.

Einfühlungsvermögen allein bedeutet noch nicht, dass die Entscheidungen dann moralisch gut sind.

Empathie ist aber eine Voraussetzung für das, was Psychologen Agreeableness nennen, Verträglichkeit also, eine der fünf Spielarten des menschlichen Charakters.

Manche Firmeneigner dürften sich Manager suchen, die möglichst unverträglich sind: weil die mit harten Entscheidungen Geld machen sollen.

Es gibt in der Wirtschaft Leute von unverträglichem Charakter, denen will ich im Dunklen nicht begegnen; das sind wohl schlechte Menschen. Auch die Empathie alleine schützt da nicht. Die Fähigkeit kann ja etwa genutzt werden, um Leute zu manipulieren. Deshalb müssen Entscheider einen moralischen Kompass haben.

Der auf welchen Prinzipien aufbaut?

Es muss nicht religiös fundiert sein. Ein über viele Kulturen und Gesellschaften gültiges, ethisches Prinzip ist: Vermeide unnötigen Schaden.

Das wird schwierig, wenn es etwa darum geht, Leute zu entlassen.

Ein moralischer Entscheider wird einbeziehen, ob diese für andere folgenreiche Handlung nötig ist. Vornehmste Aufgabe eines Unternehmers ist ja nicht nur das Kapitalwachstum, sondern auch das Schaffen und Sichern von Arbeitsplätzen. Ist die Führungskraft zudem empathisch, wird sie Klarheit schaffen, wenn ein Wandel unumgänglich ist: Sie wird ihre Mitarbeiter nicht im Unklaren lassen, denn Respekt, Vertrauen und Erwartungsmanagement sind für unser Wohlergehen wichtig.

Und wie bringt man Manager auf Linie, die sich nur ums schnelle Geld scheren?

Denen kann man versuchen zu erklären, dass ein maßvolles Handeln entscheidend ist für die Akzeptanz des Systems - von dem auch sie profitieren. Andernfalls spaltet es die Gesellschaft, was auch ihnen schaden wird. Und da manche sich auch davon nicht überzeugen lassen, muss man per Gesetz Regeln erlassen.

Die Gewinnfixierten können entgegnen, dass die Betriebswirtschaftslehre den Shareholder-Value so betont, den Profit.

Wie so oft hat die Ökonomie Nachholbedarf. Doch es tut sich etwas in der Wissenschaft, aber auch in der Managementausbildung, gerade seit der Finanzkrise.

Und was ist Ihr praktischer Ratschlag, um moralische Führung sicherzustellen?

Ziele und Boni sollten langfristig angelegt sein. Ganz wichtig sind zudem glasklare Verantwortlichkeiten. Unsere Studien, in denen Probanden mit dem Leben von Mäusen handelten, um ein paar Euro zu verdienen, zeigen deutlich, dass viele in Gruppenkonstellationen rücksichtslosere Entscheidungen treffen: weil sie sich verstecken können. Deswegen gibt es in den USA "Execution Teams", die durch gemeinsames Handeln die Todesstrafe vollziehen.

Anderes Beispiel: Wer unsicher ist, schickt oft eine Mail - "zum Absichern".

Vielleicht nahmen die Ungesetzlichkeiten im Diesel-Skandal auch ihren Lauf, weil sich da etliche Leute E-Mails hin- und hersandten, wo sie sich gegenseitig ein wenig warnten - Gewissensbisse sind teilbar. Übrigens: Bei den Mäuseexperimenten gab es auch Leute, die stets empathisch entschieden, zum Wohle der Mäuse; auch wenn sehr viel Geld im Spiel war und Gewissensbisse sehr gut geteilt werden konnten. Das sind wohl eher gute Menschen.