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Wissenschaft und Industrie:Gefährliche Saat

Keine weiteren Verdachtsfälle auf Vogelgrippe in MV

Masthähnchen in einem Stall in Mecklenburg-Vorpommern.

(Foto: Jens Büttner/dpa)

Glyphosat, Biosprit oder Fleischproduktion: Der Fall eines Agrarprofessors zeigt, wie Wissenschaftler Einfluss auf Politik und Gesellschaft nehmen.

Es ging um nicht weniger als "existenzielle Sorgen um die Zukunft der Nutztierhaltung in Deutschland", bei dem gediegenen Frühstück Anfang April im Dachgartenrestaurant des Reichstages hoch über Berlin. Spitzenvertreter der Geflügelwirtschaft hatten führende Agrar- politiker eingeladen. Sie beklagten zu viele Geflügelimporte und verschärften Umwelt- und Tierschutz, der das Geldverdienen erschwere. Für den wissenschaftlichen Grundton sorgte ein Professor aus Gießen mit einer völlig überraschenden, den Organisatoren aber sehr willkommenen These: Fleischlose Ernährung schade der Volkswirtschaft.

Eine fragwürdige Aussage bei einem fragwürdigen Auftritt. Denn gemeinsame Sache mit der Wirtschaft machte da kein Forscher-Nobody, sondern Michael Schmitz, 70. Der Agrarökonom gehört seit Jahrzehnten zu den einflussreichsten Wissenschaftlern im Bereich Landwirtschaft und Ernährung. In Berlin ist er bestens vernetzt, saß Schmitz doch 20 Jahre im wissenschaftlichen Beirat, der das Bundeslandwirtschaftsministerium in agrarpolitischen Fragen berät. Doch wie neutral und objektiv war der Wissenschaftler Schmitz? Enge und für den Professor lukrative Verflechtungen zur Agrarwirtschaft werfen Zweifel auf. Und Schmitz ist kein Einzelfall. Experten warnen vor der zunehmenden Vereinnahmung von Wissenschaftlern durch die Wirtschaft.

Das Beispiel aus Gießen ist kein Einzelfall, warnen Fachleute

Der Fall zeigt, was dabei möglich ist. Denn nicht zum ersten Mal gab der inzwischen emeritierte Gießener Professor bei besagtem Frühstück den willigen Helfer der Agrarindustrie. Er fiel auch schon bei anderen, wichtigen politischen Diskussionen auf, stets mit industriefreundlichen Positionen. Glyphosat ein Problem? Vor allem, wenn man es verbietet, urteilte er etwa als Koautor 2012 in einer Expertise. Von Gesundheitsrisiken ist in dem Aufsatz für eine Fachzeitschrift keine Rede, wohl aber von einem Wohlstandsverlust von immerhin 1,4 Milliarden Dollar in Europa bei einem Verbot. Schmitz' Expertisen kamen oft neutral daher, das Ergebnis hieß häufig: Der Staat solle bloß keine Regeln aufstellen oder Verbote erlassen. Sonst drohe großer volkswirtschaftlicher Schaden. Das hört die Agrarindustrie gern.

Schmitz' Auftritt beim Geflügel-Frühstück lag eine Studie über die volkswirtschaftliche Schädlichkeit fleischloser Ernährung zugrunde, die er im Februar über ein "Institut für Agribusiness" veröffentlicht hat. Von dem schrieb der Geflügelindustrieverband in seiner Einladung, es gehöre zur Universität Gießen. In der Danksagung der 82-Seiten-Studie kehrte Schmitz den unbestechlichen Wissenschaftler heraus, als der er "ein gesellschaftlich höchst relevantes Thema aus dem Agrar- und Ernährungsbereich frei und ohne Einflussnahme von Dritten wissenschaftlich bearbeitet" habe. Allerdings auf Bitten und mit finanzieller Unterstützung der Dr.-Alhard-von-Burgsdorff-Stiftung.

Was Schmitz nicht öffentlich machte: Die Stiftung ist ein Ableger des deutschen Geflügelzüchterverbands ZDG, dessen Präsident Friedrich-Otto Ripke zugleich Stiftungsvorsitzender ist. Was Schmitz verschwieg: Das Institut für Agribusiness ist keineswegs der suggerierte Ableger der renommierten Julius-Liebig-Universität Gießen, an der Schmitz nach wie vor Lehrveranstaltungen abhält. Sondern das Privatvergnügen des umtriebigen Professors.

Anfang der 1990er-Jahre hat Schmitz das Institut in Leipzig als Verein gegründet; mit dabei der damalige sächsische Landwirtschaftsminister Rolf Jähnichen (CDU), sowie Lobbyisten aus Agrarfirmen, die mit Saatgut oder Pflanzenschutzmitteln ihr Geld verdienen. Ihm und dem Verein sei es nie um Bereicherung gegangen, sagt Schmitz auf Anfrage. Stattdessen habe er "mit anspruchsvollen wissenschaftlichen Methoden" Studien erstellt. "Stets war unsere Unabhängigkeit gegenüber den Auftraggebern gewahrt", sagt er. Ein Dossier der Organisation Lobbycontrol, das der Süddeutschen Zeitung vorliegt, bewertet Schmitz' Arbeit und das Institut diametral anders. Demnach stehe er der Agrarindustrie nicht nur nahe. Er sei auch über bezahlte Auftragsarbeiten wirtschaftlich eng mit ihr verflochten. Der Fall stehe für ein enormes Problem in der Wissenschaft. "Kronzeugen mit Professorentitel verleihen interessengeleiteten Botschaften Glaubwürdigkeit und öffnen so Türen in die Öffentlichkeit und Politik", warnt Lobbycontrol-Expertin Christina Deckwirth. "Es ist hochproblematisch, wenn Forschungsergebnisse wirtschaftliche Interessen befördern sollen, aber nach außen als neutrale Erkenntnisse dargestellt werden." Der Geflügelverband hätte seine Verbindungen mit Schmitz in der Einladung an die Abgeordneten klar benennen, der Professor die Finanzierung und Auftragsverhältnisse seines Instituts kommunizieren müssen. Das hätte den Verdacht von Gefälligkeitsgutachten verhindert.

An der Justus-Liebig-Universität (JLU) Gießen störte sich offenkundig viele Jahre niemand an der fragwürdigen Konstruktion mit dem Agribusiness-Institut. Es gab intern zwar Gemunkel, doch niemand schritt ein. Auf Studien für die Wirtschaft taucht auch die Uni auf. Beispiel Biosprit: Nichtregierungsorganisationen warnten vor einer großen Gefahr für die Hungernden der Welt, wenn auf Feldern statt Nahrungsmitteln Pflanzen für Kraftstoffe wachsen. Ein Irrtum, befand Schmitz, diesmal als Vertreter der Universität unterwegs. NGOs, Medien, Kirchen, selbst große Lebensmittelkonzerne hätten sich zu Unrecht auf Industrie, Banken und Spekulanten als die Hauptverursacher von Elend in der Welt eingeschossen. Schuld an "sogenannten Hungerrevolten in zahlreichen Entwicklungsländern" seien nicht etwa internationale Agrarmärkte. "In allen Fällen waren heimische Verhältnisse die Hauptursachen", behauptet Schmitz 2013 als Koautor eines Papiers.

Das Risiko, dass Forschung von privaten Geldgebern beeinflusst wird, steige

Offenbar erst als Lobbycontrol im Sommer unbequeme Fragen stellte, schritt die Uni ein. Heute legt sie Wert auf die Feststellung, dass es sich beim Institut für Agribusiness um kein Institut der Uni gehandelt habe. "Wir haben die Anfrage von Lobbycontrol zum Anlass genommen, Herrn Prof. Schmitz darauf hinzuweisen, dass er auf eine korrekte Bezeichnung ohne unzulässige Bezüge zur JLU hinzuwirken hat", so eine Sprecherin. "Wir haben Ende Mai aus gegebenem Anlass diese Bitte schriftlich wiederholt und Herrn Schmitz darauf hingewiesen, dass wir uns weitergehende Konsequenzen vorbehalten."

Schmitz, der das fragwürdige Institut inzwischen aufgelöst hat, zeigt sich verwundert. Den Verdacht der Käuflichkeit weist er zurück. "Ich bin ein angesehener Wissenschaftler der Agrarökonomie", erklärt er. Nicht umsonst habe er sechs Rufe auf Professuren erhalten, und auch im Bundeslandwirtschaftsministerium wäre er niemals so lange "ein gefragter Ansprechpartner" gewesen, "wenn ich kein seriös-objektiver Wissenschaftler wäre". Im Gegenteil: Der Beirat des Ministeriums habe stets "von meinen profunden Kenntnissen über die gesamte Branche profitiert". So kann man das auch sehen.

Der Deutsche Hochschulverband sieht Risiken bei Kooperationen zwischen Unis und Wirtschaft, hält die Zusammenarbeit aber angesichts knapper Finanzen für "richtig und nötig". "Sie bergen aber tendenziell stets die Gefahr, die grundgesetzlich verbriefte Forschungsfreiheit zu beeinträchtigen", sagt ein Sprecher. Das Risiko durch Beeinflussungsversuche der Forschung wachse, besonders durch private Geldgeber, die jenseits der Suche nach Wahrheit interessengeleitet agierten. Wirksamstes Mittel dagegen sei eine auskömmliche Finanzierung durch Bund und Länder und Transparenz der Forscher.

Ob sich in Gießen wirklich etwas ändert? Am Mittwoch war die Uni zusammen mit zwei Verbänden Ausrichter einer Tierzüchterkonferenz. Die Plenartagung sah einen gut vernetzten Redner vor: Professor i.R. Dr. Dr. h.c. Michael Schmitz. Sein Thema ganz im Sinne der Industrie: "Warum erhöhte Produktionsstandards und Fleischverzicht nicht nachhaltig sind."