Wirtschaftsweise:Raus aus der Wohnmisere

Wohnungsmarkt

Der soziale Wohnungsbau der Bundesregierung könnte auch soziale Brennpunkte entstehen lassen, so die Wirtschaftsweisen.

(Foto: dpa)
  • Die Wohnungsnot liegt laut den Wirtschaftsweisen auch an der demografischen Entwicklung, deswegen würde sich nichts verbessern.
  • Der Sachverständigenrat schlägt der Bundesregierung vor, das Wohngeld schneller zu erhöhen und das Umland von Metropolen attraktiver zu machen.
  • Von der Mietpreisbremse und dem Baukindergeld halten die Wirtschaftsweisen nichts.

Von Thomas Öchsner

Wenn es um das Thema Wohnen geht, werden die Deutschen zunehmend anspruchsvoller. Darauf haben nun auch die Wirtschaftsweisen aufmerksam gemacht. 2005 beanspruchte demnach ein allein wohnender Single im Durchschnitt noch 41,2 Quadratmeter Wohnraum, 2017 waren es schon 46,5 Quadratmeter. Einen deutlichen Anstieg gab es auch bei den Ein-Personen-Haushalten: 17 Prozent mehr sind es seit der Wiedervereinigung. Da gleichzeitig viele Menschen besonders aus dem Osten Deutschlands in den Westen und dort in die Großstädte gezogen sind, sieht der Sachverständigenrat für die Wohnungsnot vor allem einen Grund: "Die demografische Entwicklung bietet eine wichtige Erklärung nicht nur für die steigenden Preise und Mieten, sondern auch für die wachsenden Probleme bei der Wohnungssuche", heißt es in ihrem neuen Jahresgutachten. Viel Zuversicht, dass sich dies bessern könnte, verbreiten die Wirtschaftsweisen allerdings nicht.

An den demografischen Tendenzen werde sich "auf absehbare Zeit nichts Grundlegendes ändern", schreiben die Regierungsberater. Sie sehen die Gefahr, "dass es innerhalb der Städte zu einer sozialen Segregation kommt." Belastet durch die gestiegenen Mietpreise seien vor allem sozial schwächere Haushalte. Schnelle Lösungen in der Wohnungspolitik gebe es aber nicht. Dafür haben die Wirtschaftsweisen für die große Koalition ein paar Verbesserungsvorschläge.

Beim Wohngeld nachlegen

Ende 2017 bezogen fast 600 000 Haushalte Wohngeld. In den sieben Großstädten profitierten davon aber nur etwa ein Prozent der Haushalte. Und erhöht wird das Wohngeld turnusmäßig erst wieder 2023, außer der Reihe ist ein Aufschlag 2020 vorgesehen - zu wenig, meinen die Wirtschaftsweisen. Sie fordern, das Wohngeld wie die staatliche Grundsicherung Hartz IV jährlich anzupassen. Auch bei den Einkommensgrenzen sollte die Bundesregierung regelmäßig nachlegen, damit bedürftige Haushalte mit steigendem Einkommen weiter Anspruch auf die Förderung haben. Von der Mietpreisbremse halten die Ökonomen dagegen nichts. Die helfe nur denjenigen, denen es gelingt, eine Wohnung zu bekommen ("Insider"). Die Lage der "Outsider" dürfte die Bremse hingegen verschlechtern, "da sich aufgrund von Umwandlungen in möblierte Wohnungen und den Verkauf an Selbstnutzer das Angebot an regulären Wohnungen reduziert".

Sozial bauen

Immer mehr öffentlich geförderte Wohnungen fallen aus der Mietbindung. Die Zahl der Sozialwohnungen schrumpft deshalb in Deutschland seit Jahren, jetzt sind es noch gut eine Million. Die Bundesregierung will nun fünf Milliarden Euro für den sozialen Wohnungsbau locker machen. Die Wirtschaftsweisen haben im Prinzip nichts dagegen, sehen jedoch zwei Gefahren: Wohnblöcke, die sich zu sozialen Brennpunkten entwickeln und die Fehlbelegung, also Mieter, die aufgrund ihres Einkommens nicht in Sozialwohnungen leben dürften. Die Sachverständigen empfehlen deshalb die Einkommen im geförderten Neubau alle drei Jahre zu überprüfen und die oberste Einkommensstufe bei der Förderung relativ hoch anzusetzen. Damit werde für eine "soziale Durchmischung gesorgt".

Förderung neu ausrichten

Vom Baukindergeld halten die Wirtschaftsweisen nicht viel. Die Verkäufer würden nur "die Förderung auf ihre Verkaufspreise umlegen". Stattdessen schlagen sie vor, die Nebenkosten beim Kauf von Immobilien zu reduzieren - etwa über einen neuen Freibetrag bei der Grunderwerbsteuer. Gut finden die Wirtschaftsweisen eine Idee aus der Schweiz: Dort wird über die betriebliche Altersvorsorge auch der Kauf von selbst genutztem Eigentum gefördert.

Umland attraktiver machen

Bauland in den Städten ist rar. Die Ökonomen wollen deshalb "die Peripherie von Städten und Metropolregionen" stärker fördern, zum Beispiel durch einen besseren öffentlichen Nahverkehr, die Ansiedlung von öffentlichen Einrichtungen oder schnelleres Internet.

© SZ vom 08.11.2018/lüü
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