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Wirtschaftsweise:Das größte Risiko für die Konjunktur ist eine dritte Welle

Coronavirus - Impfzentrum in Hamburg

Während zu Beginn der Impfkampagne die Verfügbarkeit von Impfstoff der limitierende Faktor gewesen sei, dürfte in Zukunft "die optimale Ausnutzung der Kapazitäten der Impfzentren sowie von Betriebs- und Hausarztpraxen entscheidend für den Impffortschritt sein", heißt es bei den Wirtschaftsweisen.

(Foto: Christian Charisius/dpa)

Das Impfen muss deutlich schneller werden, fordern die Wirtschaftsweisen. Dazu müssten Arztpraxen einbezogen und Prozesse digitalisiert werden.

Von Cerstin Gammelin, Berlin

Der harte Lockdown Anfang des Jahres wird das Wirtschaftswachstum nach Ansicht der Wirtschaftsweisen nur geringfügig bremsen. In ihrem Sondergutachten revidiert das Beratergremium der Bundesregierung seine Wachstumsprognose für das laufende Jahr lediglich um 0,6 Prozentpunkte auf 3,1 Prozent nach unten. Im kommenden Jahr halten die Wirtschaftsweisen an der Voraussage fest, wonach das Bruttoinlandsprodukt um vier Prozent im Vergleich zum Vorjahr zulegen würde.

Die Prognose hängt allerdings von zwei entscheidenden Voraussetzungen ab. "Das größte Risiko für die Konjunktur ist eine dritte Welle", sagte die Wirtschaftsweise Veronika Grimm der Süddeutschen Zeitung. Lägen die Infektionswerte an Ostern wieder so hoch wie an Weihnachten, sodass weitere Restriktionen verhängt werden müssten, schlage sich das auf das Wachstum nieder. Die Nürnberger Wirtschaftsprofessorin warnte eindringlich vor weiteren Verzögerungen beim Impfen. "Die Verfügbarkeit von wirksamen Impfstoffen und ein zügiger Impffortschritt ist wesentliche Voraussetzungen dafür, dass das Wirtschaftswachstum anzieht und sich das wirtschaftliche wie gesellschaftliche Leben normalisiert."

Deutschland liegt auch im europäischen Vergleich zurück

Die Wirtschaftsweisen haben in ihrem Sondergutachten erstmals ein Impfkapitel eingefügt. Sie bestätigen die gemeinsame Impfstoffbestellung durch die EU, kritisieren aber gleichzeitig, dass Deutschland auch innerhalb der europäischen Länder mit den Impfungen zurückliegt. So hätten etwa Portugal und Schweden aktuell mehr Dosen je Einwohner verimpft als Deutschland. Der Rückstand liege vor allem an Organisation und Management. So werde "die Registrierung, die Impfterminvergabe und die Logistik der Impfstoffverteilung in den Ländern durch fehlende digitale Lösungen erschwert". Die Gutachter fordern zudem, auch an den Wochenenden zu impfen. Ohne deutlich höheres Impftempo werde Deutschland das Ziel der EU verfehlen, bis Ende des Sommers siebzig Prozent der Bevölkerung zu impfen.

Während zu Beginn der Impfkampagne die Verfügbarkeit von Impfstoff der limitierende Faktor gewesen sei, dürfte in Zukunft "die optimale Ausnutzung der Kapazitäten der Impfzentren sowie von Betriebs- und Hausarztpraxen entscheidend für den Impffortschritt sein", schreiben die Gutachter. Grimm fordert, Arztpraxen "spätestens ab Mitte April" einzubeziehen. Nur so könne es gelingen, "im zweiten Quartal alle verfügbaren Impfdosen zu verabreichen". Sie warnte, strikt an Prioritäten festzuhalten, das könnte das Impfen weiter verlangsamen. Der Impfprozess müsse "effizient organisiert und digitalisiert werden. Man muss weiter die Prioritäten abarbeiten, aber zugleich pragmatisch nicht genutzte Termine weitergeben". Sinnvoll wäre es, die Impflogistik neu zu organisieren und bundesweit ein digitales Registrierungs- und Nachrückverfahren aufzusetzen.

"Das Vertrauen zu Hausärzten ist groß. Wir werden sie brauchen, um 70 Prozent der Bevölkerung zu impfen"

Die Wirtschaftsweisen haben verschiedene Szenarien zum Impffortschritt berechnet. Ginge es so weiter wie derzeit mit täglich rund 500 geimpften Patienten in jedem der 433 Impfzentren, würden frühestens Ende November rund siebzig Prozent der Bevölkerung geimpft sein. Damit wäre das Versprechen von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), bis Ende des Sommers jedem Bürger, der das wolle, ein Impfangebot zu machen, nicht zu erfüllen. Gelinge es, die täglich verabreichten Dosen in den Impfzentren um 50 Prozent zu steigern, könnten 70 Prozent der erwachsenen Bevölkerung bereits im September 2021 geimpft sein. Würden zusätzlich die Hausärzte einbezogen, könnten schon im Juli alle, die es wollen, geimpft sein.

"Es gibt zwei wichtige Argumente, Hausärzte sehr schnell einzubinden", sagte Grimm. "Wir erhöhen damit signifikant die Kapazitäten. Wir gehen davon aus, dass die 55 000 Hausarzt-Praxen jeden Tag 20 Personen impfen könnten. Hausärzte können zudem Bürger besser von der Impfung überzeugen, die noch Zweifel haben. Das Vertrauen zu Hausärzten ist groß. Wir werden sie brauchen, um 70 Prozent der Bevölkerung zu impfen."

Die Wirtschaftsweisen haben in ihren Szenarien die Zusagen über 20 Millionen Dosen Astra Zeneca in den ersten beiden Quartalen einbezogen. Sollte der Impfstoff länger oder ganz ausfallen, würde sich die Impfkampagne deutlich verzögern. Im zweiten Quartal würden ohne Astra Zeneca etwa 22 Prozent der vertraglich zugesagten Liefermengen wegfallen, im dritten Quartal schrumpften die vertraglich zugesagten Liefermengen ohne Astra Zeneca um etwa 27 Prozent. Werde der Impfstoff nicht durch andere Hersteller ersetzt, könnten Haus-, Fach- und Betriebsärzte nicht frühzeitig einbezogen und die dadurch geplante Beschleunigung der Impfkampagne verzögert und erschwert werden. Als vergleichbarer Impfstoff, der auch bei Kühlschranktemperatur gelagert werden kann, und damit eine niedrigschwellige Parallelstruktur zwischen Impfzentren und Praxen erlaubt, sei aktuell nur Johnson & Johnson zugelassen. Dieser soll aber erst ab dem dritten Quartal in größerer Menge zur Verfügung stehen.

Das Aussetzen der Verimpfung von Astra Zeneca muss nicht zwangsläufig die Kampagne deutlich verzögern

Die Wirtschaftsweise Grimm weist jedoch darauf hin, dass im laufenden Jahr prinzipiell - sofern alle zugesagten Dosen der anderen Hersteller geliefert werden - ausreichend Impfstoff zur Verfügung stehen werde, um die deutsche Bevölkerung zu impfen, auch ohne Astra Zeneca. Das Aussetzen der Verimpfung von Astra Zeneca müsse daher "nicht zwangsläufig die Kampagne deutlich verzögern, insbesondere dann nicht, wenn Johnson & Johnson wie vereinbart liefert". Sie fordert, diesen Impfstoff ohne komplizierte Impfgruppen "sofort prioritär" zu verimpfen, "da mit jeder Impfung hier eine Immunisierung erzielt werden kann, während bei den anderen Impfstoffen zwei Impfungen und damit doppelt so viel Impfkapazität für eine Immunisierung nötig sind".

Die Vielfalt an verschiedenen zugelassenen Impfstoffen sei wichtig, um im Jahresverlauf heute nicht absehbare Lieferengpässe einzelner Hersteller auszugleichen, schreiben die Gutachter. Sie warnen zugleich, dass der Impfstoff weltweit sehr ungleich verteilt ist. Ende Januar 2021 wurden 75 Prozent der bisher verbrauchten Dosen in nur zehn Ländern verimpft.

Die Pandemie hat die deutsche Wirtschaft bislang unterschiedlich getroffen. Die Industrie laufe dynamisch, heißt es bei den Wirtschaftsweisen. Sie sei von den Restriktionen kaum betroffen worden. Dagegen sei die Dienstleistungsbranche massiv eingebrochen. Das betreffe allerdings Bereiche, die einen geringeren Einfluss auf die Bruttowertschöpfung hätten. Gastronomie, Hotels und Einzelhandel schlügen mit rund sechs Prozent zu Buche.

© SZ
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