Wirtschaftsstandort Mexiko:Selbst das Handy rappelt überall

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Drogen, Mord, Totschlag: Mexiko will sein ramponiertes Image aufbessern und wirbt als "Tor zu den USA" und mit niedrigen Löhnen. Auch deutsche Investoren sollen Geld und Jobs bringen.

S. Schoepp

Wer von Mexiko-Stadt durch das Hochland in den zentralen Bundesstaat Guanajuato fährt, hat nicht den Eindruck, sich im Frontstaat eines blutigen Drogenkriegs zu befinden. Im Gegenteil: Die endlosen Reihen von nagelneuen, weiß leuchtenden Gewerbebauten auf beiden Seiten der sechsspurigen Autobahn, die langen Road-Train-Lastzüge, die sauberen Provinzstädtchen, all das atmet eine Prosperität, die eher an den Süden der USA erinnert als an lateinamerikanische Misere.

Mexikanische Fußballfans in Nürnberg, 2006

Mexiko ist top - zumindest geht die deutsche Wirtschaft davon aus und will verstärkt dort tätig werden.

(Foto: ag.rtr)

Die schmucke Kolonialstadt Guanajuato hat nicht umsonst Aussichten, den Zuschlag für das neue Werk zu bekommen, das VW plant, um den US-Markt zu bedienen. Das war am Rande des "Mexikanischen Wirtschaftstags" zu erfahren, den die Münchner IHK am Dienstag veranstaltete.

Positiv-Beispiele wie Guanajuato gibt es einige in Mexikos Mitte. Wie fast überall auf der Welt, so müsse man auch in Mexiko wissen, wie man sich bewegt und wohin, sagt Christian Weber, Repräsentant der bayerischen Wirtschaft im südlichsten Land Nordamerikas. Bei dem IHK-Treffen taten mexikanische Wirtschafts- und Regierungsvertreter ihr Bestes, skeptisch dreinblickende deutsche Mittelständler davon zu überzeugen, dass ein Engagement in Mexiko kein Ritt durchs Tal des Todes ist, sondern eine lohnende Investition in einer aufstrebenden Wirtschaftsmacht. Die Regierung verbessere derzeit die Infrastruktur, Maschinenbau, Umwelttechnik oder Energieversorgung seien besonders gefragt, warb Vizebotschafter Miguel Angel Padilla. Die Produktionskosten seien sehr niedrig.

Drogenmafia und zähe Bürokratie

"Es ist ein superber Standort", sekundierte Siemens-Manager Bernardo Nehm, deswegen sei man seit 120 Jahren in Mexiko. Die Bürokratie arbeite zwar noch ermüdend langsam, aber die Regierung kämpfe gegen das Problem. Michael Rosenheimer von der Mammendorfer MIPM Medizintechnik lobte die gute Aufnahme, die er gefunden habe. "Das Handy geht überall und die Busfahrten sind ein Genuss!" Max von Igel, Lateinamerika-Direktor des Kläranlagenbauers Huber, berichtete von den großen Möglichkeiten für seine Branche, jetzt, da Mexiko seine enormen Abwasserprobleme angehe.

Dass Mexiko auch ein riesiges Sicherheitsproblem hat, wollte niemand in Abrede stellen, aber auch nicht gerade betonen. Man sei rechtzeitig aus dem "jetzt ziemlich kriminellen" Grenzgebiet nach Zentralmexiko umgezogen, berichtete Hubertus Tuczek, Direktor des Vilsbiburger Autoteileherstellers Dräxlmaier, der seit 1995 im Land ist.

Der späte Beginn des Kampfes gegen die Drogenmafia, aber auch die zähe Bürokratie erklären sich damit, dass das abgeschottete Mexiko sich erst Anfang der 90er Jahre zur Welt öffnete, als die Dauerherrschaft der Institutionalisierten Partei der Revolution endete. Das Land trat der Nordamerikanischen Freihandelszone (Nafta) bei - was es in fast totale Abhängigkeit von den USA brachte. 80 Prozent seines Außenhandels wickelt Mexiko mit dem Nachbarn ab, was manche für ungesund halten.

Wissen, was man wert ist - auch in Mexiko

Als Folge der Krise in den USA sackte das Bruttoinlandsprodukt in Mexiko 2009 um 6,5 Prozent ab, stärker als anderswo in Lateinamerika. Dieses Jahr sind 4,1 Prozent Wachstum drin, das ist viel, aber eben auch viel weniger als bei den Konkurrenten Peru oder Brasilien. Dort werden 7,6 Prozent für 2010 vorhergesagt - so viel, dass Brasilia schon überlegt, das Wachstum zu drosseln.

Während Brasilien weiter die eigene Industrie durch Protektionismus schützt, hat Mexiko sich ganz dem Weltmarkt verschrieben. Kein anderes Land hat so viele Freihandelsabkommen. Es wirbt mit seiner "strategischen Lage" zwischen den Märkten Asien, Europa und Lateinamerika, und als Tor zum großen Nachbarn im Norden.

Tatsächlich produzieren viele deutsche Firmen billig in Mexiko, um teuer in den USA zu verkaufen. Der Mindestlohn in Mexiko beträgt 3,50 Euro am Tag. Ein Berufsanfänger hat sechs Tage Urlaub im Jahr. Außerdem gehört das Land zum Dollarraum, also gibt es keine Währungsschwiergkeiten. Dafür kann man schon ein paar Abstriche machen: "Niedrige Lohnkosten gibt es eben nicht umsonst", ahnt der Vertreter des Antennenbauers Kathrein.

Doch eigentlich will Mexiko mehr sein als ein Billiglohnland, betonte Manuel Montoya Ortega, Vertreter der Autoindustrie in Nuevo Leon, dem wirtschaftsstärksten Bundesstaat. Man wolle lernen und selbst Technik entwickeln. Bislang muss Mexiko seinen Maschinenpark importieren. Immerhin sei die Ausbildung des Nachwuchses gut, lobte Siemens-Manager Nehm. Allerdings wissen inzwischen auch in Mexiko gute Ingenieure, was sie wert sind. Die Gehaltskosten für qualifizierte Kräfte böten kaum einen Vorteil gegenüber Deutschland, hat Tobias Niemczyk vom Metallbetrieb Spanner festgestellt.

Ulf Boyer vom Betonverarbeiter Rekers glaubt, dass man an Mexiko nicht vorbeikomme. Die Märkte in den USA und Osteuropa hätten sich für seine Branche erschöpft. In China gebe es zu viel Produktpiraterie. In Lateinamerika sieht er deshalb die Zukunft. "Eigentlich sind wir schon spät dran."

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