Wirtschaftsprognosen I Hochstimmung - doch keiner hat's gesehen

Lange herrschte die Sorge, dass Brexit und Trump die deutsche Wirtschaft erschüttern würden. Es kam anders. Eine Prognostiker-Wertung, diesmal ohne Sieger.

Von Thomas Fricke

Seit acht Jahren wächst Deutschlands Wirtschaft jetzt schon ohne größere Krise. Und trotzdem schien bis vor Kurzem eines klar: die Dynamik bleibt eher verhalten - Waschbrettkonjunktur, diagnostizierte so mancher Konjunkturpoet. Kein Job-Boom, keine Lohnsprünge wie früher. Und nur sehr verhaltene Investitionen. Ein Mikro-Aufschwung.

Entsprechend vorsichtig fielen denn vor einem Jahr auch die Prognosen für 2017 aus - zumal lange Zeit die Angst vor Protektionismus und Umsatzverlusten umging, nachdem die Briten für den Brexit gestimmt und die Amerikaner Donald Trump gewählt hatten.

Von wegen. Je näher das Jahr an sein Ende rückt, desto deutlicher wird, dass der schwach geredete deutsche Aufschwung 2017 ein ganz neues Tempo entwickelt hat - im internationalen Sog. Dass die Deutschen erstmals deutlich mehr konsumieren. Und die Unternehmen wieder etwas mutiger werden, in die Zukunft zu investieren. Nach jüngsten Schätzungen kamen 2017 gut 650 000 Arbeitsplätze dazu - das hat es seit zehn Jahren nicht gegeben.

Alles in allem ist die deutsche Wirtschaft 2017 mit mehr als zwei Prozent gewachsen - die jüngsten Schätzungen lassen ein Plus von 2,3 Prozent vermuten. Ziemlich unerwartet für eine Prognostikerzunft, die - anders als es ihr oft nachgesagt wird - mit ihren Vorhersagen in den vergangenen Jahren stets ziemlich gut lag. Mit so einem Plus hatte vor einem Jahr kein einziger unter den insgesamt 50 professionellen Konjunkturschätzern auch nur ansatzweise gerechnet, deren Vorhersagen nun bewertet wurden. Zum ersten Mal seit Beginn der Auswertungen 2002 reichte es daher für niemanden zum Prognostiker des Jahres: Spitzenplatz also für Mister Nobody.

Nur sechs Experten ahnten, dass die Ausfuhren um mehr als 3,5 Prozent anziehen würden

Gar nicht so falsch hatten die Auguren dabei noch mit ihren einigermaßen optimistischen Prognosen für die deutsche Exportwirtschaft gelegen. Nur sechs Experten ahnten allerdings, dass die Ausfuhren um mehr als 3,5 Prozent anziehen würden. Die befürchteten Dämpfer durch neuen Protektionismus blieben (bislang) aus, dafür zog 2017 bei wichtigen Handelspartnern die Konjunktur an - und damit auch die Nachfrage nach deutschen Waren. Die Euro-Krise scheint überwunden, es gab keine neue Eskalation und Unsicherheit darüber, ob der Euro Bestand haben wird. Selbst in Italien und Frankreich wächst die Wirtschaft plötzlich mit immerhin 1,5 bis zwei Prozent. Ein ziemlich klassischer Aufschwung.

Stark unterschätzt haben fast alle Ökonomen, wie sehr dieser Aufschwund die Unternehmen dazu animieren würde, mehr Geld in Maschinen und Anlagen zu investieren. Die Experten der Deutschen Bank rechneten noch vor einem Jahr sogar mit einem Rückgang der Budgets. Nur die Chefvolkswirte David Milleker von Union Investment und Christian Schulz von der Citigroup erwarteten Ende 2016 überhaupt ein Plus von real drei Prozent. In Wirklichkeit dürften Deutschlands Firmen im ablaufenden Jahr sogar gut vier Prozent mehr investiert haben - weil die Kapazitäten oft nicht mehr reichen. Das ist zwar verglichen zu früheren Boom-Phasen immer noch eher bescheiden; zu Hochzeiten erhöhten sich die Investitionen dereinst oft auch zweistellig. Im Jahr 2016 waren es aber nur zwei Prozent.

Ähnlicher Befund für die Konsumlaune im Land. Im Schnitt erhöhten die Verbraucher ihre Ausgaben erstmals seit Jahren um real mehr als zwei Prozent. Damit hatte vor einem Jahr kein einziger der 50 Konjunkturexperten in der Bewertung gerechnet. Am nächsten dran lagen Ende 2016 die regionalen Konjunkturpropheten von der Landesbank Baden-Württemberg und der Hamburger Sparkasse - mit einem erwarteten Plus von 2,0 Prozent. Das Gros der Kollegen hielt dagegen ein Plus von 1,5 Prozent oder weniger für realistisch. Auch das kam anders.

Dass Schwärme nicht immer richtig liegen, zeigen einmütige Mittelmaß-Prognosen

Entsprechend nüchtern fällt die Prognosebilanz denn auch für das Wirtschaftswachstum insgesamt aus. Ein Dutzend Konjunkturpropheten hatten vor einem Jahr gerade einmal die Hälfte der tatsächlichen Dynamik erwartet. Ökonom und Rentenfachmann Bert Rürup vom Handelsblatt Research Institute veranschlagte sogar nur mickrige 0,9 Prozent Plus fürs deutsche Bruttoinlandsprodukt 2017 - ein stattlicher Fehlgriff und damit die rote Laterne.

Dass Schwärme nicht immer richtig liegen, zeigen die zwei Dutzend Experten, die sich vor einem Jahr in großer Einmütigkeit auf eine Mittelmaß-Prognose von 1,4 bis 1,5 Prozent festgelegt hatten. Wobei die Bundesregierung mit ihrer Vorhersage von 1,4 Prozent eindeutig zu den größeren Pessimisten im Land zählte. Ähnlich schwach schnitten die Konjunkturfachleute der Bundesbank, der EU-Kommission und des Internationalen Währungsfonds ab.

Am nächsten an der Wirklichkeit lagen am Ende jene vier Prognostiker, die für 2017 wenigstens ein Plus des Bruttoinlandsprodukts von 1,7 Prozent für möglich gehalten hatten. Immerhin drei der vier (relativ) besten Prognostiker hatten zumindest mit mehr als drei Prozent Plus für Deutschlands Ausfuhren gerechnet. Nur die Experten vom Kieler Institut für Weltwirtschaft trafen dabei mit erwarteten 3,6 Prozent die Wirklichkeit mit einer akzeptablen Fehlerquote. Die Kollegen von der IKB lagen knapp darunter. Immerhin einer - Chefvolkswirt Michael Heise von der Allianz - stand mit seiner Erwartung nicht ganz so schlecht da, dass die Investitionen wieder anziehen würden; wenn auch weit weniger deutlich, als es für einen richtigen Prognosetreffer gereicht hätte.

Nur lag selbst damit die Prognose fürs Wirtschaftswachstum insgesamt noch rund ein Viertel unter dem, was tatsächlich eintrat. Insofern: Ein gutes Jahr für die deutsche Wirtschaft, kein gutes für Prognostiker.

Mitarbeit: Hannah Münch